Blick auf viele Offshore-Anlagen durchs Schilf

Reisen in Zeiten von Corona?

Eigentlich – das ist wohl zurzeit eines der häufig genutzten Wörter in Zeiten von Corona. Eigentlich wären wir jetzt gerne unterwegs und würden der Sonne hinterher reisen. Aber in den Ländern in Europa, in denen sie schon intensiver scheint, ist momentan so gut wie niemand draußen und genießt den lauen Wind und den strahlendblauen Himmel. Denn in Zeiten von Corona herrscht Ausgangssperre. Es sterben viel zu viele Menschen und diejenigen, die nicht direkt vom Virus betroffen sind, bleiben trotzdem zu Hause, um andere zu schützen.

Zugegeben: Wir wollten mutig sein. Ganz spontan habe ich sogar bei der Arbeit schon einen Tag früher freigenommen, damit wir noch am Samstag, dem 14. März, losfahren können. Da war im Büro gerade beschlossen worden, den Publikumsverkehr ab dem Montag drauf einzustellen und sogar Heimarbeit sollte ermöglicht werden. Uns war also bewusst, dass wir ein bisschen vorsichtig sein müssten, was die Wahl der Ziele und der Reiseroute angeht. Den Wagen zu packen und startklar zu machen, dauert bei uns glücklicherweise nicht lange. Und was man an Kleidung mitnehmen möchte, hat man nach so vielen Jahren unterwegs blitzschnell in einen Wäschekorb gepackt und dann im Wagen verstaut. Zu dem Zeitpunkt gibt es auch noch genügend Spaghetti – für unterwegs unverzichtbar – und Klopapier – ebenfalls nicht ganz unwichtig – zu kaufen. Am frühen Nachmittag fahren wir los. Klar ist, dass wir auch dieses Mal nicht Richtung Griechenland, schon gar nicht nach Italien, sondern tendenziell Richtung Westen unterwegs sind. Ebenso ist völlig logisch, dass wir die Region France-Est, das Corona-Risikogebiet Frankreichs zu diesem Zeitpunkt, weiträumig umfahren. Entgegen unserer Gewohnheit bleiben die Nachrichten an, solange es geht und wir haben ungern ausgeschaltet, als der Empfang in den Niederlanden schlechter wurde. Abends suchen wir uns einen Stellplatz in Holland, um in Ruhe von dort aus weiter zu überlegen, wie und wohin wir uns die nächsten Tage bewegen möchten.

Häuser im Wasser mit Segelmasten im Hintergrund
Der Hafen von Lelystad am IJsselmeer – menschenleer zu Zeiten von Corona

Unterhalb des Deiches in Lelystad am Ijsselmeer werden wir fündig und stehen dort mit einem Deutschen und einem niederländischen Pärchen ohne auch nur annähernd auf Tuchfühlung zu gehen. Schon dort herrscht eine seltsame Stimmung. Um den Kopf noch ein wenig freizubekommen, machen wir einen Spaziergang am Wasser. Diesmal zieht uns nichts in die Nähe der beiden geöffneten Restaurants im Hafenbereich, stattdessen begnügen uns mit einem Glas Wein im vorgewärmten Wagen. Dazu hören wir den sehr guten Podcast aus der ARD Mediathek mit dem Virologen Christian Drosten. Unsere Blicke gehen bei Kerzenschein überm Tisch hin und her. Wir beschließen, am nächsten Morgen weiterzusehen. 

Beim Frühstück hören wir übers Handy NDR Info, um wirklich auf dem Laufenden zu sein. Der unausgesprochene Eindruck des Vorabends wird von Meldung zu Meldung bestätigt: Reisen in Zeiten von Corona geht gar nicht (mehr). Also bleibt nur der Rückzug, um nicht sehenden Auges dorthin zu fahren, wo Ausgangssperren beschlossen wurden und mehr und mehr Menschen an Corona erkranken und sterben. Sehenden Auges dorthin zu fahren, wo bekannt ist, dass man genug mit sich selbst zu tun hat, muss nicht sein und ist der einheimischen Bevölkerung gegenüber unfair.

Mehrere Wohnmobile an der Ems vorm Deich
Der Stellplatz in Haren/Ems bei Hochwasser

Spanien hat ab Montag eine strikte Ausgangssperre beschlossen. Freunde von uns, die dort seit ein paar Tagen Urlaub machen, klingen über WhatsApp heute deutlich verhaltener als in den Vortagen und wissen nicht, wann sie wie zurückkommen können. Grenzschließungen gibt es schon in Dänemark. Auch Polen, Tschechien und die Slowakei ziehen nach. Angekündigt werden sie im Laufe des Tages für die deutsch-französische Grenze, allerdings um Einkäufe von Franzosen in Deutschland zu unterbinden und das Ansteckungsrisiko auf diese Weise zu mindern. Die einzige geöffnete Grenze ist um uns herum noch die Niederländische. Diese Nachricht hören wir beim Kaffee und Schiffe gucken in Haren an der Ems, dreißig Kilometer hinter der Grenze. Dort machen wir eine Pause, um zu überlegen, ob wir tatsächlich gleich nach Hause fahren oder ob es zumindest möglich ist, innerhalb Deutschlands noch weiterzufahren. Schön ist es hier schließlich auch, nur leider nicht ganz so sonnig und warm wie im Süden. Wir beschließen, heute Nacht hierzubleiben und erkunden den Ort. 

St. Martinusdom der Stadt Haren hinter zwei Häusern
Der Emsland-Dom St. Martinus in Haren an der Ems

Am darauffolgenden Tag starten wir den Wagen und fahren in die Heimat. So war das nicht geplant, aber um die Kurve nicht steil ansteigen zu lassen, sagen auch wir #WirbleibenzuHause. 

Nachtrag: Uns geht es gut! Nach drei Tagen Überstundenabbau darf ich sogar meinen Urlaub zurücknehmen, da ich im Büro gebraucht werde, damit die Kollegen mit den Kindern im Homeoffice bleiben können. Sorge bereitet mir und uns die Lage unserer Künstlerinnen und Künstler und auch der anderen Teammitglieder, die zwar nicht direkt bei uns angestellt, aber unter anderem von unseren Aufträgen abhängig sind. Diese Krise ist noch lange nicht vorüber. Wer weiß, ob wir unser Festival, die Gezeitenkonzerte, im Sommer wie geplant durchführen können? Da ist so ein entfallener Urlaub tatsächlich vollkommen unbedeutend und es bleibt zu hoffen, dass es bald zur Abwechslung mal wieder gute Nachrichten gibt! Bleibt gesund oder werdet es zumindest! Das ist das Wichtigste.

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