Ostern im Languedoc-Roussillon

In diesem Jahr hatte sich relativ schnell herauskristallisiert, dass für den gut zweiwöchigen Urlaub mit dem Kastenwagen Ende März nur wenige Regionen in Frage kommen. Selbst das Wetter bestätigte uns bei den Überlegungen. So ging es für uns mal wieder Richtung Frankreich, Grobrichtung: Languedoc-Roussillon im Südwesten, gerne mit französischer Mittelmeerküste. Diesmal hatten wir uns schlau gemacht: In Spanien waren Ferien und in der Semana Santa, der heiligen Woche vor Ostern, haben sowieso alle frei und sind unterwegs. Die Franzosen sollten erst Anfang April mit ihren Ferien folgen – gute Voraussetzungen also.

Anreise

Wachtendonk

Historischer Ortskern Wachtendonk

Erste Zwischenstation war erneut Wachtendonk, weil es einfach günstig gelegen ist, wenn man sich arbeitsbedingt erst mittags auf den Weg machen kann und nicht irgendwo an der Autobahn übernachten möchte. Der Unterschied war, dass wir etwas früher dran waren und an einem schönen Abend Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang durch das eigentlich ganz nette Festungsstädtchen mit dem historischen Ortskern hatten. So konnten wir einen Blick auf die Burgruine mit Selfie-Point an der Niers werfen und den Enten zuschauen. Überrascht hat uns lediglich, dass wir die einzigen waren, die den Stellplatz genutzt haben.

Weiter ging es am Folgetag über Maastricht, diesmal um Liège herum bis zum Campingplatz Bannes. Die Alternative wäre Langres mit seiner wunderbar erhaltenen Altstadt hinter einer Stadtmauer gewesen, wo einer der beiden Stellplätze liegen soll. Da wir schon einige Male durch den Ort gefahren sind, haben wir uns das für eine andere Gelegenheit aufgehoben.

Moules-Frites im Wagen

Moules-Frites im Wagen

Der Camping Hautoreille in Bannes (Département Haute-Marne) war für diese Jahreszeit jedenfalls gut frequentiert und obwohl wir etwas zu spät waren, konnte ich uns noch eine Portion „Moules-frites“ (Muscheln mit Pommes: klingt blöd, schmeckt aber gut) zu acht Uhr reservieren. Vorher gab es noch ein leckeres gekühltes Bier zum Sonnenuntergang, bevor der junge sympathische Platzwart mit seinem typischen schwarzen Muscheltopf zu uns an den Wagen kam und neugierig guckte, was man denn so auf 5,41 m alles bequem unterbringen kann. Die anderen Wohnmobile waren fast alle deutlich größer. Am nächsten Morgen waren wir die letzten, die den Campingplatz verließen: Alle waren sie schon vorher gefahren. Wäre das Wetter einladender gewesen, hätte man hier durchaus noch eine weitere Übernachtung einlegen und eine Fahrt mit dem Rad ins nur sieben Kilometer entfernte Langres unternehmen können. Es soll dort sogar einen Radweg, vielleicht ja sogar entlang der zahlreichen Seen, z. B. der Lac de la Liez mit Wasserskianlage oder der Lac de Charmes mit dem benachbarten Wasserreservoir.

Wir wollten weiter und fuhren Richtung Montélimar wie gewohnt mautfrei über Land. Das Spannende an einem Navigationsgerät ist: Selten fahren wir ein und dieselbe Strecke, auch wenn das gleiche Zwischenziel eingegeben wird. So gibt es immer etwas Neues zu sehen. Schön war beispielsweise der Blick auf dieses Schlösschen.

Ein Château im Nirgendwo

Ein Château im Nirgendwo

Nachdem wir lange Zeit an der Drôme entlanggefahren waren, verließen wir sie etwa eine halbe Stunde vor Montélimar und begaben uns auf die absolute Nebenstrecke durch die schneebedeckten Berge. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Puy-St.-Martin. Dort hatten wir uns den nett klingenden Stellplatz direkt bei der Gendarmerie als Übernachtungsziel ausgesucht. Glücklicherweise war die kleine Pizzeria mit den Shrek-Motiven an der Wand geöffnet. Man betrieb sogar ein wenig Smalltalk mit uns. Dieser Platz war erneut gut gefüllt. Man hatte ihn wenige Jahre zuvor liebevoll neu angelegt. Die Bezahlung geschah auf freiwilliger Basis. Wasser und Entsorgung gab es gratis. Im Sommer bietet er sich als Startpunkt für verschiedene Wanderungen durch die Berge an. Für mich war er perfekt.

Cassis

Das beschauliche Fischerdorf Cassis

Das beschauliche Fischerdorf Cassis

Von Puy-St-Martin aus war es nicht mehr weit bis zur Küste und wir mussten uns überlegen, wo und wie wir die nächsten Tage verbringen wollten. Die Entscheidung fiel auf Cassis. Dort war Hermann Rübel, unser guter Festival-Geist und Pastor im Ruhestand, vor sechzig Jahren gewesen und schwärmt immer noch begeistert von dem kleinen Fischerdorf direkt neben dem Moloch Marseille. Das wollten wir uns näher ansehen. Vorher führte uns das Navi jedoch mitten durch Marseille, was, wie ich wusste, völlig unnötig war, da die Stadtautobahn mautfrei ist. Nun war glücklicherweise an einem Sonntagnachmittag nicht so viel los, aber geärgert hat es mich trotzdem. In Cassis waren dann auf dem Campingplatz auch wieder unsere deutschen Mitbürger zahlreich vertreten, aber wir wollten ja nur übernachten und nicht kuscheln. Unser kleiner Abendspaziergang in den Ort ergab, dass Cassis tatsächlich noch ganz nett ist. Die Felsen auf der östlichen Seite glühten tiefrot in der Abendsonne und ließen Verständnis für die Leidenschaft der Maler für diese Region und ihr spezielles Licht aufkommen. Natürlich sind viele Bauten dazugekommen und nicht alle sind schön, aber in der Nähe des Wassers konnten wir Hermanns Begeisterung für das charmante Fischerdorf doch nachvollziehen. Mit Blick auf das später illuminierte Schloss auf einem Felsen aßen wir draußen in einem Restaurant in Wassernähe. Unterm Heizpilz (ich mag die Dinger nicht besonders, aber sie wärmen wunderbar) genossen wir erneut Muscheln, die jedoch deutlich mehr kosteten, als groß auf der Karte angepriesen. Das Kleingedruckte hatten nicht nur wir übersehen. Auch die beiden Damen am Nachbartisch schnappten angesichts der Preise nach Luft und überlegten, das Lokal zu verlassen. Für mich stand fest, dass ich dieses Etablissement weder empfehlen, geschweige denn erneut betreten würde. Hatten wir für den Weg nach unten etwa zehn Minuten gebraucht, dauerte der Rückweg aufgrund der Steigung doppelt so lange. Das sollte aber nur ein kleiner Vorgeschmack auf das sein, was uns am Folgetag erwarten würde.

Auf zu den Calanques

Toller Ausblick auf Cassis auf dem Rückweg von den Calanques

Toller Ausblick auf Cassis auf dem Rückweg von den Calanques

Die sehr nette Dame von der Rezeption des Camping Les Cigales hatte uns mit vernünftigem Kartenmaterial ausgestattet, in dem wir beim Frühstück stöberten und uns für eine Wanderung zu den westlichen Calanques entschieden. Calanques sind die tief eingeschnittene schmale Einschnitte in die Felsen am Mittelmeer, für die die Gegend um Cassis berühmt ist. Der Grand Randonnée (GR) 51 sollte direkt am Ufer durch die Berge die schönsten Blicke eröffnen. Nach einem erneuten Spaziergang durch den Ort und vor allem das exklusive Villenviertel in Wassernähe kurz vor dem Naturschutzgebiet konnten wir bei Temperaturen um die zwanzig Grad in die schöne Landschaft eintauchen. Im Sommer geht das hier Schlag auf Schlag. Teilweise werden die Wege gesperrt, um die Besucherströme zu kanalisieren. Auch zu dieser Zeit war verhältnismäßig viel los. Vorbei an einem Yachthafen ging es lange Zeit bergauf.  Ich muss gestehen, dass ich kreislaufmäßig tatsächlich an meine Grenzen stieß. Wie gut, dass wir ausreichend Wasser im Rucksack hatten. Oben angekommen boten sich wirklich spektakuläre Blicke aufs wunderbar blauschillernde Wasser. Von See aus lässt sich der fjordartige Charakter bestimmt noch eindrucksvoller und möglicherweise weniger Schweiß treibend erfahren. Am Ende des Tages waren wir knappe zwanzig Kilometer gewandert und hatten laut App zahlreiche Stockwerke erklommen. Das war eine tolle Tour mit viel Futter für die Seele, wenn auch zwischendurch ein bisschen anstrengend. Dafür haben wir uns abends mit einem leckeren Fischessen in einer der Seitengassen in Cassis belohnt. Diesmal hatten wir schon befürchtet, dass es wieder teuer werden könnte, wurden aber positiv überrascht. Interessant: Waren wir gegen halb acht die ersten, die sich ins Restaurant gewagt hatten, war es als wir gingen so voll, dass Gäste abgewiesen werden mussten.
Auf dem Rückweg habe ich herzlich gelacht: Wir hatten einen anderen Weg eingeschlagen und kamen wieder durch noblere Wohngegenden. Dort gab es ein Schild, dass frau doch bitte nicht im Bikini flanieren möge. Leider war es für ein Foto zu dunkel.

Eigentlich hatten wir uns für den Folgetag die Ostseite mit ihren Calanques vorgenommen. Der Muskelkater hielt sich in Grenzen. Das Wetter war angenehm. Doch das sollte sich laut Wetter-App an der Küste in den nächsten Tagen ändern. Spontan entschieden wir daher um halb elf, den Platz zu verlassen und uns ins Landesinnere zu begeben. Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch nicht abgewaschen, geschweige denn geduscht, da wir den anderen Gästen den Vorzug lassen wollten. Ab elf Uhr hätte allerdings die Möglichkeit bestanden, noch für einen weiteren Tag zahlen zu müssen. Auf die Minute pünktlich checkten wir aus und gondelten gemütlich Richtung Pont du Gard. Die Calanques laufen uns bestimmt nicht weg, und wir waren vermutlich nicht das letzte Mal in Cassis.

Pont du Gard

Pont du Gard

Pont du Gard 2006

Auch wenn es rund fünf Kilometer vor der Pont du Gard einen Stellplatz am Ortsrand von Remoulins gegeben hätte, entschieden wir uns für den Campingplatz Sousta direkt vor dem Zugang und wurden mit einem Platz mit Blick auf den Gardon belohnt. Bei stürmischem Wind ließen wir uns zunächst den Kaffee im Wagen schmecken und guckten derweil den Wasservögeln und den Anglern zu. In angenehmer Entfernung stand noch ein Kastenwagen aus Leipzig. Ansonsten waren wir in dieser Ecke des Platzes für uns. Ein Spaziergang in Richtung des berühmten Aquädukts zeigte: Hier kommt man nicht mehr kostenlos aufs Gelände. Nicht einmal zu Fuß. 7,50 Euro sollte der Blick pro Person auf das von den Römern erbaute eindrucksvolle Monument kosten. Das war es mir als Kulturbanause nicht wert. Vor ziemlich genau elf Jahren war das noch anders. Dann musste das Bild im Kopf von damals eben reichen. Vom Campingplatz aus war es gerade noch möglich, einen Blick auf die sonnenbeschienene Brücke mit ihren drei Etagen und zahlreichen Bögen zu erhaschen. Ein weiterer Versuch von der anderen Seite am nächsten Tag machte erneut deutlich: Hier geht nichts mehr ohne Ticket.

Uzès

Kathedrale St.-Théodorit d'Uzès

Kathedrale St.-Théodorit d’Uzès

Der nächste Zwischenstopp lag nur einen Steinwurf entfernt. In Uzès gibt es ein Weingut mitten im Ort, wo es kostenlose Wohnmobilstellplätze gibt. Sich allerdings mittags um eins zum Schulschluss dorthin zu begeben, war nicht unbedingt unsere schlaueste Idee. Millimeterarbeit war beim Rangieren vor dem Lycée zweihundert Meter vor dem Hof angesagt. Die Muttis hatten aber mehr Angst als Dirk und ich. Wir staunten nicht schlecht, als wir nach den Olivenbäumen vor der großen Halle um die Ecke bogen: Dicht an dicht standen dort die Wohnmobile (vorwiegend Deutsche und Niederländer, wenige Franzosen). Ein Platz in der hintersten Ecke war noch frei. Es war ziemlich windig, sodass wir die Fenster auf jeden Fall geschlossen lassen mussten. Nach einem Kaffee wagten wir uns dann in den Ort. Wir mussten unsere Vorräte auffüllen und waren neugierig auf den schönen Ort mit den vielen Kirchen, der sich im Reiseführer so nett anhörte. Die ehemalige Kathedrale St.-Théodorit d’Uzès mit ihrem runden Turm mit den vielen Fenstern ist weithin sichtbar. Ebenso beeindruckend ist der Herzogspalast „Le Duché“, aber auch der große Marktplatz, auf dem bei besserem Wetter sicherlich das Leben tobt. Dank der steifen Brise war es fast unheimlich leer. In Uzès hat man das Gefühl, an jeder Ecke etwas Neues entdecken zu können, sei es irgendwelche Winkel in den Hinterhöfen, die schon bald bestimmt mit Blumen und Leben gefüllt sind, unterschiedliche Türgriffe, schiefe Fenster, kleine Lädchen. Hier kann man sich locker ein paar Tage aufhalten. Später besorgten wir uns bei den beiden Brüdern Blanc, die das Weingut führen, noch einen kleinen Weinschlauch. Man hätte auch tiefer in die Tasche greifen können: Es gab durchaus noch andere Weine, die mich angelacht hätten, aber für unterwegs sind die „vins en vracs“ einfach nur praktisch. Abends machten wir uns auf die Suche nach dem passenden Speiselokal. Dreimal sind wir an der Pizza du Duché vorbeigelaufen, bis wir uns mal wieder als die ersten Gäste dort niederließen. So hatten wir die Gelegenheit, den Chef ein wenig bei der Arbeit zu beobachten. Er war neugierig und redselig, war er doch dieses Jahr erst wenigen Touristen begegnet. Und wenn es dann noch Deutsche gibt, die Französisch sprechen, muss man das nutzen. Für uns war es gut, denn beim Kosten des Hausweins war uns aufgefallen, dass der richtig lecker schmeckte, was ich ihm sagte. Das freute ihn und flugs erklärte er mir, wo wir den bekämen. Da mir auf dem Weg nach Uzès ausgerechnet dieses Weingut (Domaine de l’Aqueduc) schon aufgefallen war, konnte ich ihm schnell folgen und noch Detailfragen stellen. Auch die Pizza war ausgezeichnet. Als die kam, füllte sich auch hier schlagartig das Lokal. Es gab schon viele Reservierungen. Gegen halb neun mussten die ersten Gäste mit Bedauern weggeschickt werden.

Ostern in Agde

Blick auf den Hérault bei der Kajak-Einsatzstelle

Blick auf den Hérault bei einer Kajak-Einsatzstelle

Über Anduzes, einem Kurztrip durch die Ausläufer der Cévennen, ging es am Hérault entlang nach Agde. Wir hatten uns überlegt, dass es über Ostern vielleicht sinnvoll wäre, an einem Ort zu bleiben. Diese Umwege haben sich erneut gelohnt, boten sie doch viele schöne Einblicke in die Natur. Es war für uns der zweite etwas längere Besuch in Agde, sodass wir gezielt den Campingplatz La Pépinière in Grau d’Agde ansteuerten. Einige Plätze waren schon belegt, aber nach einigem Austesten konnten wir für uns noch eine schöne Parzelle ergattern. In der Vorsaison werden fast überall die Schäden vom Winter beseitigt, und dementsprechend ist im März vielleicht noch nicht alles fertig. Da das Personal das offen anspricht und alle sehr nett sind, ist das nicht weiter problematisch. Ich ärgere mich eher über einige, meiner Meinung nach, ungerechtfertigte Bewertungen dieses Platzes im Netz. Direkt vor dem Platz ist der Fluss Hérault, an dem es beidseitig zum Strand und zur Stadt hin einen Radweg gibt. Am ersten Abend gaben wir der Wirtin vom „O Phil de l’eau“ noch eine Chance und aßen bei ihr Paella. Wir waren die einzigen Gäste und blieben es auch. Das Essen war nicht besonders schmackhaft. Im Halse stecken blieben uns jedoch ihre Kommentare, dass es ja immer gefährlicher werde mit den ganzen Ausländern, die verstärkt kämen und ja fast alle Terroristen seien. Sie mache sich Sorgen, dass es schon bald zu einem Attentat hier in Agde kommen könne. Sicher! Agde ist der erste Ort, der dem Erdboden gleich gemacht wird! Damit war klar, dass es unser letzter Besuch dort war. Warum waren wir überhaupt noch einmal hergekommen? Vielleicht wegen der Lage: zwar direkt an der Uferpromenade, jedoch mit Blick auf eine kleine Werft (weniger aufs Wasser) und fernab der Touristenströme.

Kathedrale Saint-Etienne in Agde

Kathedrale Saint-Etienne in Agde

In dieser Region kann es ziemlich windig sein, sodass wir am nächsten Tag lediglich der gegenüberliegenden Seite La Tamarissière einen Besuch abgestattet haben und dabei soviel Sand zwischen den Zähnen hatten, dass wir den Rest des Nachmittags Kaffee trinkend und lesend auf dem Platz verbrachten. Für den Abend hatten wir für Freunde von uns den Stellplatz gegenüber reserviert. Es kristallisierte sich ziemlich schnell heraus, dass es einige Stamm- und Langzeit-Camper gab, andere wiederum von Platz zu Platz fuhren, sodass ab neun Uhr Ab- und ab mittags Anreise war. Abends waren die Parzellen zumeist gut gefüllt.
Die beiden gerieten in die Karfreitagsprozessionen in Agde und kurvten dadurch etwa eine Stunde im Dunkeln durch die Straßen. Wir diskutierten derweil mit dem Betreiber des Bistros, dass man sich doch eigentlich hier nicht verfahren könne. Um halb elf waren die beiden dann endlich da und bekamen freundlicherweise ungefragt zu ihrem Wein noch ein paar Kleinigkeiten zu essen. Sie waren Gründonnerstag nachmittags losgefahren. Mit einem Zwischenstopp und Autobahnnutzung sollten sie laut Navi schon um kurz nach acht in Agde sein.
Auch die zwei waren schon einmal in Agde und zeigten uns am nächsten Morgen den Einstieg in eine tolle Fahrradtour entlang des Canal du Midi in Richtung Béziers. Bis zum legendären „La Guinguette“, was zu dieser Zeit leider noch nicht geöffnet war, waren wir auch schon einmal gekommen. Diesmal ging es weiter. Welche Farben: das zarte Grün der Bäume, die farbenfrohen Boote, Blümchen und dazu das Geschnatter der Wasservögel. Herrlich! Wir haben uns einfach treiben lassen, bis wir auf der anderen Seite des Kanals zurückradeln konnten. Unser erster Pausenversuch wurde durch die Entdeckung eines Fuchs-Kadavers direkt am Ufer jäh unterbrochen. Es war ungefähr der 15. Fuchs, den wir auf dieser Fahrt bislang sichten konnten, nachdem wir beide jahrelang keinen zu Gesicht bekommen hatten. Leider war der Großteil bereits tot. An der Kesselschleuse (écluse ronde) von Agde hatten wir dann das Glück, gleich zwei Schiffe bei der Schleusung beobachten zu können.

Abends hatten wir uns zu einem gemeinsamen Essen verabredet. Ruth hatte bei der Kurverei am Vorabend ein nettes Restaurant in einem hübschen alten Gebäude an einem Platz fernab der Touristen-Nepper entdeckt, wusste aber nicht genau wo. Die Chefin vom Campingplatz versuchte in einem sympathischen englisch-französischen Mischmasch auszuhelfen. Letztendlich mussten wir quasi die nächste Straße links abbiegen und radelten fast genau drauf zu. Es war nett dort: ausschließlich französische Gäste außer uns. Man konnte auch kein Englisch, aber das war kein Problem. Das Essen war vorzüglich, sodass wir gemeinsam einen netten Abend genossen.
Richy und Ruth hatten am Vortag geplant, am Canal du Midi entlang Richtung Bassin du Thau und weiter nach Sète zu radeln, fanden aber den schönen Weg nicht und mussten langweilige Straßen mit viel Autoverkehr nutzen. Wir hingegen hatten uns ziellos aufs Rad geschwungen und waren auf einmal mittendrin im Naturpark mit einem Fahrradweg fernab der Zivilisation und herrlichen Ausblicken, als die beiden schon den Wagen gestartet hatten und weitergezogen waren. Der Étang du Thau ist das 18 km lange Bassin zwischen Marseillan und Sète, mit einer reichhaltigen Vogelwelt und ist Anfangspunkt des Canal du Midi, der von dort aus bis Toulouse führt. Auf dem Rückweg hatten allerdings auch wir Pech und verloren den schönen Weg aus den Augen und mussten so die Straße nutzen.

Carcassonne
Nach fünf Tagen in Agde – ungewöhnlich lang für uns – hatten auch wir genug und wollten weiterziehen. Das Festungsstädtchen Carcassonne, von dem so viele begeistert erzählen, stand schon länger auf unserem imaginären Ziele-Zettel. Und auch wenn wir uns wenig mit Mit-Campern unterhalten, reden sie ja laut genug darüber, wo sie gerade herkommen und hinwollen und was es zu beachten gilt, sodass wir wussten: Das lohnt sich. Unsere Hoffnung war, dass es zu dieser Zeit nicht so voll sein würde wie im Sommer, wenn die eigentlich uneinnehmbare Festung von Touristen gestürmt wird. Am Fuße der Festung, direkt an einem kleinen Flüsschen, das später in die Aude mündet, liegt ein Campingplatz mit Blick auf die imposante Anlage. Zu Fuß braucht man von dort aus etwa eine halbe Stunde dorthin. Ich kann hier nur die Bilder sprechen lassen: Es ist wirklich beeindruckend und auf jeden Fall einen Ausflug wert!

Lange haben wir überlegt, wo wir was abends essen möchten. Wie häufig waren, wir zu früh dran mit unserer Suche, da wir nicht oben auf dem Festungsgelände fürstlich abgezockt werden wollten. So haben wir uns auch die Unterstadt und die Aude noch genauer angeguckt und uns dann für das traditionelle Essen „Cassoulet“ (ein Eintopf mit weißen Bohnen, Speck, gepökeltem Schweinefleisch und einem Würstchen oben drauf) entschieden. Das war – im wahrsten Sinne des Wortes – saulecker, aber doch sehr schwer, sodass wir froh waren, noch einen Fußmarsch am Wasser entlang zurück machen zu dürfen.

Rückzug mit Deutsch-Nachhilfe

Imposante Kathedrale in Mende

Imposante Kathedrale in Mende

So langsam mussten wir uns nun auf den Rückweg machen. Als erstes Etappenziel dafür hatten wir Mende am Nordrand der Cevennen, gerade noch im Languedoc-Roussillon, gewählt. Hier gibt es einen kostenlosen Stellplatz mitten in der Stadt mit Blick auf den Lot. Als wir am frühen Abend dort ankamen, ergatterten wir den drittletzten Stellplatz. Später sollten sie alle belegt sein. Erstmalig war unser Wagen nicht der kleinste! Zwei weitere waren noch eine Idee kleiner und trugen französische Kennzeichen. Die Deutschen auf dem Platz hatten ihre große Weißware so ineinander verschränkt, dass nicht auf den ersten Blick ersichtlich wurde, dass sie gerade unerlaubt grillten.
Vorbeigefahren waren wir an Mende schon häufiger, aber es lohnte sich durchaus, das Städtchen genauer unter die Lupe zu nehmen. Über allem thront die gotische Kathedrale Notre-Dame-et-Saint-Privat aus dem 14. Jahrhundert. Das Kino fiel mir auf.
Gegessen haben wir in einem großen Bistro. Erneut waren wir viel zu früh dran, durften nach Gemurre dann aber doch schon Platz und ein Glas Wein zu uns nehmen. Wir hatten den Eindruck, dass Deutsche hier nun nicht unbedingt willkommen sind und waren demzufolge extra freundlich und unterhielten uns kaum, um diesen Verdacht nicht zu erhärten. Dann jedoch ließ eine ältere Bedienung direkt hinter uns auf dem Weg in die Küche etwas fallen. Mit errötetem Kopf kam sie heraus, entschuldigte sich und meinte, wir hätten hoffentlich nicht gehört, was sie gesagt habe. „Nein!“ antworteten wir wahrheitsgemäß und dass es kein Problem sei. Dann entfuhr mir: „Oder meinten Sie etwa das Wort mit M?“ Gemeint war „merde“, französisch für „Scheiße“. Daraufhin wurde sie tiefrot und entschuldigte sich noch einmal, was wir nur mit einem mitfühlenden Lachen quittierten. Wenig später kam sie erneut an unseren Tisch und fragte, was denn das Wort, das sie eben benutzt habe, auf deutsch hieße, was ich ihr natürlich gerne erklärte. Daraufhin lief sie den ganzen Abend um die Tische und murmelte laut hörbar „Scheiße! Große Scheiße!“. Beim Herausgehen nahm ich sie dann noch einmal beiseite und sagte: „Die Franzosen sind ja immer sehr höflich. Und manchmal sagt man ja auch eher „mince“. Wenn Sie es nicht so kraftvoll ausdrücken wollen, sagen Sie: „Mist“!“ Selten habe ich jemanden so glücklich Sprachkompetenzen erlernen sehen!

Am nächsten Morgen machte ich erwartungsvoll das Radio an, um die Nachrichten zu hören, doch die kamen nicht. Stattdessen gab es eine Durchsage, dass aufgrund des Generalstreikes die Radiostationen beschlossen hätten, auf die Nachrichten zu verzichten, und dass man um Verständnis werbe. Dafür habe ich nicht wirklich Verständnis. Ich könnte es verstehen, wenn dann ausschließlich über den Streik berichtet würde, aber diese Art und Weise fand ich befremdlich. Mein Verständnis von aufklärendem Journalismus ist ein anderes.

Und in Belgien gibt es Radarfallen mit WLAN

In Belgien gibt es Radarfallen mit WLAN

Unsere Reise ging weiter, vorerst ohne konkretes Ziel. Als sich herausstellte, dass wir gegen Abend Langres erreichen würden, planten wir spontan, diesmal den Stellplatz innerhalb der Stadtmauern anzusteuern. Doch dieser Plan wurde von einer streikenden Menge beim Stadttor durchkreuzt. Es gab kein Durchkommen. Also mussten wir umschwenken und landeten erneut auf dem Platz in Bannes, wo wir wiederum zu spät noch Muscheln an den Wagen bestellen durften. Erleichtert wurde das vielleicht durch meine Verständigung mit dem Patron in einer übervollen Rezeption über Nicken und Handzeichen. Nach Abzug der Meute kam ich wieder, sodass wir in Ruhe den Rest klären konnten. Das Essen kochte derweil schon auf dem Herd.
Am nächsten Morgen brachen wir zum Abschluss wiederum als letzte Gäste mit dem Ziel Deutschland auf. Kurz hinter Bannes entspringt übrigens die Meuse, zu deutsch Maas, auf dem Plateau von Langres bei Le Châtelet-sur-Meuse. Von dort aus fließt sie durch Namur und Liège, passiert Maastricht und Venlo, bis sie den Rhein erreicht. Erneut haben wir bis dort ihren Flusslauf aufmerksam verfolgt.

Fazit: Auch wenn wir uns – abgesehen von An- und Abreise – fast nur im Département Languedoc-Roussillon aufgehalten haben, haben wir noch längst nicht alles gesehen. Allein der Canal du Midi lädt zu ausgiebigen Radtouren ein, ebenso die wachsende Zahl der „voies vertes“, die stillgelegten Bahnstrecken, die zu Fahrradwegen umfunktioniert werden. Die zahlreichen Flüsse verlocken zum Kajak fahren. Und auch sonst gibt es dort (und anderswo) noch unheimlich viel zu entdecken. Land und Leute wachsen mir zunehmend mehr ans Herz. Eine bessere Reisezeit wäre bestimmt im April oder im Mai, wenn die Temperaturen schon etwas wärmer sind und die Natur etwas weiter ist. Dann gibt es auch noch mehr Infrastruktur, denn die Kajak-Stationen waren beispielsweise alle noch geschlossen, ebenso viele Campingplätze. Stellplätze in den Städten kann man durchaus ansteuern, man muss nur früh genug sein. Sonst sind alle Flächen belegt. Es lohnt sich, gezielt die Plätze abseits der Hauptrouten rauszusuchen. Diese liegen häufig an Flüssen oder Seen und haben einen ganz eigenen Charme.

Was haben Sie entdeckt? Gibt es etwas, das wir uns unbedingt beim nächsten Mal anschauen müssen? Gerne nehmen wir auch Stellplatz-Tipps entgegen.

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