weite Sicht auf einen See unter blauem Himmel, rechts und links Bäume

Lieber Osten als Süden

Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg im September

Dass wir in diesem Jahr alles an Urlaub aufgespart haben, was ging, hat sich durch Corona automatisch ergeben. Im Frühjahr haben wir unsere Fahrt ja aufgrund der Ausweitung der Pandemie gleich nach der ersten Übernachtung unterbrochen. Nach intensiver Beobachtung der Lage seit März war schon lange klar: Selbst wenn wir als begeisterte Europäer gerne in den Ländern der Union unterwegs sind, bleiben wir in diesem Jahr in Deutschland. Einig waren wir uns auch, dass uns die südlichsten Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg überhaupt nicht reizen, sondern eher die östlichen, vor allem jedoch Mecklenburg-Vorpommern mit seiner Vielzahl an Möglichkeiten. Die Wahl unseres Ziels ist stets vom Wetter abhängig, aber wir hatten überwiegend großes Glück.

Am 1. September erreichten wir nach einer Überlandfahrt am späten Nachmittag Lüneburg, schauten uns zwei der von einer mittlerweile viel zu bekannten App empfohlenen Übernachtungsplätze an (einer im Wald: schön, aber voll, weil Lauf- und Gassigehstrecke; der andere an einer Tennisanlage: weniger schön und voll) und entschieden uns, nachdem wir die Lage eine Weile sondiert hatten, bei der Leuphana-Universität in der hintersten Ecke Station zu machen. Da kein Run auf die Bibliothek erkennbar war und die Semesterferien sich auch noch sechs Wochen fortsetzten, war nicht zu erwarten, dass wir jemandem einen Parkplatz wegnehmen; sonst hätten wir das nicht gemacht. Nachdem wir uns auf dem Campus auf einem umgenutzten Kasernengelände umgesehen und besonders den beeindruckenden Neubau von außen gebührend bewundert hatten, liefen wir zu Fuß in die Stadt und ließen uns treiben. Auf der Ilmenau wurde entspannt ‚geSUPt‘ und gepaddelt. In der Altstadt gibt es tolle Ecken mit liebevoll restaurierten und bepflanzten alten Häusern, vor denen man immer wieder stehen bleiben und staunen muss. Im Stadtbild macht sich trotz Corona und Online-Studiums bemerkbar, dass Lüneburg eine Studentenstadt ist. Glücklicherweise war es gerade warm genug, um erstmalig in diesem Jahr die Außengastronomie in einem Biergarten versteckt im Innenhof zu testen. 

Ehemalige innerdeutsche Grenze bei Dömitz

Weiter ging es am nächsten Tag Richtung Elbe. Wir hatten die Hoffnung auf einen schönen Stellplatz, von dem aus man ein wenig auf dem Elbe-Radweg entlang pedalieren könnte. Die auf der Westseite gefielen uns nicht und waren teilweise auch schon gut frequentiert. Hängengeblieben sind wir in Dömitz. Dort gibt es zwei Plätze. Wir entschieden uns für den auf der Hotel-Seite, da wir von dort aus aufs Wasser und auf den Kirchturm schauen konnten. An diesem Tag war uns das Wetter zu unsicher zum Radeln, sodass wir uns den Ort anschauten. Leider waren wir zehn Minuten nach der Schließzeit an der Festungsanlage. Vielleicht war das aber auch ganz gut so, denn daraufhin haben wir unsere Weiterfahrt kurzerhand auf den Nachmittag verschoben. Im Ort gibt es viel Leerstand, obwohl er eigentlich ganz nett ist und mehr Geschäftigkeit verdient hätte. Selbst wenn seit 1991 viele Mittel zur Sanierung des historischen Stadtkerns nach Dömitz geflossen sind, hat es die Bewohner nicht davon abgehalten, den Ort zu verlassen. Die Entwicklung der Einwohnerzahlen bleibt rückläufig und liegt aktuell laut Wikipedia bei 3011 Personen, wobei die Bewohner der umliegenden Orte hier ab 2005 mit erfasst sind.

Ein Stück Grenzzaun an der ehemaligen innerdeutschen Grenze mit zwei Informationstafeln: eine enthält ein Foto von damals, die andere einen Informationstext

Nachgebauter Grenzzaun an der Elbe bei Dömitz

Der Bahnhof ist nicht mehr aktiv, teilweise sind jedoch die Anlagen schön umgebaut worden. Von der einstigen Bedeutung des Hafens direkt neben dem Bahnhof ist ebenfalls nur mit Fantasie etwas zu erahnen. Es gibt noch eine Schleuse, die die Elbe mit der Müritz-Elde-Wasserstraße und somit der oberen Havel verbindet. Umgeben ist Dömitz an einigen Stellen von einem kleinen Wall. Früher diente der sicherlich auch mal dem Hochwasserschutz und führt direkt zur Festung – und darum herum. Weithin sichtbar ist die Brücke über die Elbe, die im April 1945 – ebenso wie die ehemalige Eisenbahnbrücke – von amerikanischen Jagdbombern zerstört worden ist. Nach der Wiedervereinigung dauerte es noch bis 1992, bis sie feierlich wiedereröffnet werden konnte. Sie gilt als Symbol der Wiedervereinigung. Diverse Male schon sind wir auf Fahrten Richtung Meckpomm darüber gefahren. Beeindruckend ist es jedoch, wenn man sich zu Fuß der Elbe nähert und sich bewusst macht, dass hier bis November 1989 die innerdeutsche Grenze verlief und den Bewohnern des Ortes der Blick auf den Fluss durch diverse Zäune mit Bewachung und Abschussanlagen verwehrt blieb. Ich wäre verrückt geworden, wenn ich dort unter diesen Bedingungen aufgewachsen wäre. Unterhalb der Festung ist ein kleines Stück Zaun nachgebaut worden, versehen mit einer Info-Tafel, die verdeutlicht, wie stark diese Grenze gesichert war. Aus Gründen des Hochwasserschutzes war ein Nachbau auf dem Deich nicht möglich. Das Dorf Rüterberg, mittlerweile Teil von Dömitz, war beispielsweise vom Zaun eingeschlossen. Schaffte es ein Flüchtling, den Zaun zu überwinden und durch die Selbstschuss- und Hundelaufanlagen zu kommen, musste er ja immer noch die Elbe durchqueren. 1974 war der 21-jährige Hans-Georg Lemme so weit gekommen. Gescheitert ist sein Fluchtversuch an dem Befehl auf einem der Grenzsicherungsboote, ihn zu überfahren. Irgendwie drängen sich mir in diesem Zusammenhang Parallelen zur heutigen Zeit auf.

Später erzählte uns Horst*, dass er in den 1980er-Jahren eine Freundin in Dömitz hatte, die er zwischendurch auch dort besuchte. Der drei Meter hohe Grenzzaun verlief schließlich nicht, wie der Nachbau suggeriert, weit hinter dem Wall entlang der Elbe, sondern war direkt um den Ort – quasi auf dem Wall – gezogen, sodass man von den Häusern aus auf diese Wand starrte. Er fühlte sich dort damals äußerst unwohl und merkte an, dass es offenbar wenige ‚Wessis‘ gibt, die sich (noch) Gedanken darüber machten und in die Situation hineinversetzten. Laut überlegten wir beide, dass ja die Grenzer irgendwo in der Nähe ihres Dienstortes gewohnt haben und man sich ‚auf dem Dorf‘ ja kennt: ein Gedankengang, den Dirk und mich angesichts des Teilstückes des Zaunes auch schon beschlich. 

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit (vorbestellten) Brötchen von der Rezeption des Hotels und zwei Kannen Tee – wir mussten ja die Zeit bis zur Festungsöffnung um 10:00 Uhr sinnvoll überbrücken – liefen wir entlang des Walls dorthin. Die Ausstellungen zur Geschichte der Region haben wir nur am Rande angeschaut. Viele der Gebäude waren aufgrund der fehlenden Umsetzbarkeit von Hygienekonzepten nicht zugänglich, was bei einigen sicherlich zu Bedauern führte. Uns interessierten vornehmlich die Gebäude in der fünfeckig angelegten Festung aus dem 16. Jahrhundert mit ihren Kasematten und Kurtinen. Einen Vorgängerbau gab es bereits im 13. Jahrhundert. Die Fotoausstellung mit Vergleichsbildern von vor und nach der Wende war jedoch durchaus interessant. Fritz Reuter (1810-1874), einer der bekanntesten Dichter und Schriftsteller in niederdeutscher Sprache, begegnete uns hier erstmalig. Er war überzeugter Burschenschaftler, was ihm 1836 die Verurteilung zum Tode wegen „Teilnahme an hochverräterischen burschenschaftlichen Verbindungen in Jena und Majestätsbeleidigung“ einbrachte. Im Jahr darauf erfolgte die Umwandlung des Urteils in dreißig Jahre Festungshaft, später auf acht Jahre reduziert. Zwei davon saß Reuter im Hauptwachengebäude der Festung Dömitz ab, bis er 1840 entlassen wurde und weiterhin gesellschaftskritisch und humorvoll an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Glücklicherweise wurde die militärische Nutzung der Festung bereits 1894 aufgegeben. Bereits 1953 wurde ein Museum errichtet. Gelegen zwischen der Eisenbahn- und der wichtigen Straßenbrücke, ist es erstaunlich, dass die Festung von dem Bombenangriff 1945 verschont geblieben ist.

Im Anschluss blieb tatsächlich noch Zeit für die Fahrradtour entlang der Elbe. Die Entscheidung, Richtung Norden zu fahren, war nicht ideal, führte sie uns doch gleich über die Brücke auf die Westseite und erschien uns ein wenig langweilig. Aufgrund des zunehmenden Windes und der aufziehenden Wolken entschlossen wir uns zurückzuradeln. Gerade am Wagen angekommen, setzte der Regen ein: gute Entscheidung!

Kurzer Stopp in Mirow

Warten auf den Workshop: Blick aufs Wasser von der Terrasse der Kanustation Milow

Da ich am Folgetag von acht bis zwölf Uhr einen Workshop zur Auswertung von qualitativen Daten haben sollte, brauchten wir dafür eine Anlaufstelle mit ggf. Strom und Internet. Von vorherigen Fahrten wussten wir, dass es bei der Kanustation in Mirow Freifunk gibt und die Möglichkeit, sich dort auf der Terrasse niederzulassen. Relativ spät checkten wir kurz vor Feierabend ein, bekamen einen festen Platz zugewiesen. Alles war mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Eigentlich war das zum Abstand halten gedacht, aber wir hatten dennoch das Gefühl, unseren Nachbarn quasi auf den Schoß gesetzt worden zu sein. Die platzeigene Gastronomie war gerade im Begriff zu schließen, aber wir bekamen das „Ex“ empfohlen. Das wiederum entpuppte sich als Gewinn. Wir mussten zwar draußen sitzen, was angesichts der Temperaturen und des angekündigten Regens gerade so möglich war. Im Innenraum gab es zwei größere Gesellschaften, weswegen gleich angekündigt wurde, dass wir bitte ein wenig Geduld haben sollten. Das war alles kein Problem: Das Personal war schnell und das Essen sehr gut. Nachdem einige Gäste den Innenraum verlassen hatten, durften wir auch nachrücken. Im Dunkeln marschierten wir schnellen Schrittes zurück zum Wagen und erreichten diesen erneut mit den ersten dicken Regentropfen.

Am nächsten Morgen stapfte ich früh mit den wärmsten Klamotten bewaffnet mit meinem Laptop unterm Arm zur Terrasse, holte mir brav einen Kaffee und betrieb kurz Smalltalk mit der Servicekraft. Die Internetverbindung vom Platz war schlecht und ich dachte schon, das wird nichts mit dem Workshop. Der Platzwart hatte jedoch dasselbe Problem und fuhr daraufhin für uns beide den Router neu hoch, worüber ich mich sehr gefreut habe. Daraufhin war diese Sorge genommen, aber wir warteten zu dritt aus unserer Projektgruppe vor dem jeweiligen Rechner auf das Erscheinen der Lehrkraft. Um kurz nach neun gaben wir nach dem zweiten Kaffee auf. Ich konnte in Ruhe frühstücken und mich wieder aufwärmen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Workshop verschoben worden war, wir drei jedoch diese Information nicht erhalten hatten. Aufgrund des Wetters bot es sich nicht an, sich aufs Wasser zu begeben, sodass wir ohne Nutzung jeglicher Infrastruktur den dafür vergleichsweise teuren Platz verließen und entlang der Mecklenburgischen Seenplatte nach dem nächsten Übernachtungsplatz suchten. Angeschaut haben wir uns die Stellplätze an der Marina in Wesenberg, in Priepert und Neustrelitz: Alle waren verhältnismäßig voll. Genau vor einem Jahr waren wir schon einmal hier in der Ecke und haben uns einiges angesehen. Da war es bedeutend ruhiger. Es macht sich offensichtlich bemerkbar, dass zum einen die Zahl der Wohnmobile und zum anderen derjenigen, die im Heimatland Urlaub machen, stark zugenommen haben. Gelandet sind wir schließlich auf dem Stellplatz in Feldberg. 

Feldberger Seenlandschaft

Haussee bei Feldberg

Am Feldberger Amtswerder gibt es einen kostenpflichtigen Stellplatz für rund zehn Wohnmobile hinter einem PKW-Parkplatz. Es gibt Stromanschlüsse und eine öffentliche Toilette ca. 400 Meter entfernt, aber keine Ver- und Entsorgung. Von dort aus ist man in wenigen Schritten am Wasser oder in der Stadt. Man wird gebeten, sich bei der Kurverwaltung zu melden, um dort seinen Kurbeitrag zu bezahlen. Da wir uns über die Zurverfügungstellung jeglicher Infrastruktur freuen, haben wir uns also aufgemacht, um diesen zu entrichten und sind dann kurzentschlossen der beschilderten Tour rund um den Haussee gefolgt. Ein weiterer Haussee befindet sich übrigens rund 60 km entfernt in der Uckermark in Brandenburg. Zum Aufwärmen war das ganz gut. Zum Ende kam auch wieder die Sonne raus. War der Platz eigentlich nur als Zwischenstation gedacht, gefiel es uns so gut, dass wir noch eine Übernachtung drangehängt haben. Ein positiver Nebeneffekt war, dass ich zumindest ein paar Stunden an meiner Hausarbeit weiterschreiben konnte. 

Wunderschöne Wanderung entlang des Schmalen Luzin

Carwitzsee

Im Michael-Müller-Reiseführer „Mecklenburgische Seenplatte“ ist eine Wanderung um den Schmalen Luzin beschrieben, ausgehend von unserem Stellplatz in Feldberg mit einer Fährüberfahrt zum Abschluss. Da es bis zum frühen Nachmittag immer wieder ergiebig geregnet hat, bot sich eine Radtour nicht mehr an. Ebenso wurde es zu spät, um sicher mit der Fähre über den See zurückzukommen, sodass wir die Tour kurzerhand umgedreht haben und um punkt 15:00 Uhr uns vom Fährmann mit den bunt lackierten Fußnägeln („Ich bin hier mein eigener Herr, mich kann keiner rausschmeißen!“) freundlich übersetzen ließen. Die Fahrt war fast schon zu kurz. Auf der anderen Seite ging es rauf zum Hullerbusch und von dort aus durch den märchenhaften Wald bis zum Hauptmannsberg, von dem aus man einen wunderbaren Rundblick auf den Carwitzer See mit kleinen Inselchen hat. Zuvor ging es über angenehm zu laufende Pfade durch einen abwechslungsreichen Wald mit umgestürzten Birkenstämmen, die wundersam leuchteten. Wir folgten dem Pfad mit dem grünen Punkt, zwischendurch auch als Dachsweg beschildert. Letzterer ließ sich leider nicht blicken. Das Hügelgrab aus der Bronzezeit, das sich in der Nähe des Berges befindet, ist nicht mehr als solches erkennbar, also eher unspektakulär. Im Anschluss ging es durch das hübsche Dorf Carwitz mit Kirche, Gastronomie und zahlreichen Ferienwohnungen. Fast alle waren an diesem Wochenende durch Berliner belegt. Gesäumt wurde der Weg von Galerien und diversen Marmeladen-, Gemüse- und Honigangeboten. Hier waren viele Menschen zu Fuß oder mit dem E-Bike unterwegs. Ab der Badestelle ging es direkt am Ufer des grün schimmernden Luzin kilometerweit durch den Laubwald. Das Wasser ist schön klar und hat eine eigenartige grüne Farbe, die vermutlich auf die Wassertiefe zurückzuführen ist, einen aber sehr in seinen Bann zieht. An einer Badestelle hatte sich tatsächlich eine junge Frau ins Wasser gewagt: Es scheint kalt gewesen zu sein.

Kurz danach erreichten wir erneut den Fähranleger mit der Kanu-Station. Von dort aus ging es über die 105 Stufen aufwärts und zurück zum Wagen. Laut Beschreibung hätten es 14 Kilometer sein sollen: Auf unseren Geräten waren es nur elf Kilometer, aber eine wunderschöne Tour, die wir so nicht erwartet hätten. Fotos gibt es nur wenige: Das muss man selber erleben. Sollten wir wiederkommen, wäre dieser Rundweg eine Wiederholung wert. 

Nachdem es am Sonntag doch immer wieder zwischendurch regnete und es zu windig für die geplante Radtour schien, überlegten wir nach einer abschließenden Tour durch Feldberg, ob wir tatsächlich wie geplant den Campingplatz am Dreetzsee oder den in der Nähe von Carwitz ansteuern oder noch weiter nach Stellplätzen Ausschau halten sollten. Wir haben festgestellt, dass ein Campingplatz, der aktuell so um die 25 Euro die Nacht ohne (fast) alles kostet, sich nur dann lohnt, wenn man von dort aus beispielsweise direkt tolle Kajak- oder SUP-Touren unternehmen kann. Also schauten wir uns den Stellplatz in der Flößerstadt Lychen bei der Marina an. Das Tor war geschlossen und er sah wenig einladend aus. Da es nur als Option gedacht war, fuhren wir ein wenig amüsiert weiter. Den Platz bei der Marina in Fürstenberg kannten wir schon und fanden ihn nicht attraktiv. Das einzig Interessante an ihm ist die Tatsache, dass er direkt neben der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück liegt, die definitiv auf meiner Liste mit dem Vermerk „zu besuchen“ steht. Ein verregneter Sonntagnachmittag ist dafür aber für meinen Geschmack nicht der richtige Zeitpunkt. Als Misanthrop wäre ich da gerne so allein wie möglich.

Da wir auf jeden Fall noch unser Grauwasser entsorgen und langsam auch Frischwasser nachzapfen wollten, haben wir bewusst den Stellpatz in Templin ausgewählt, da das nicht überall möglich ist. Im Nachhinein haben wir festgestellt, dass der Platz zwar wenig attraktiv sein mag, die Stadt dafür einiges zu bieten hat, angefangen von der komplett erhaltenen Stadtmauer. Flächenmäßig ist sie die achtgrößte Stadt Deutschlands, hat aber nur 16.000 Einwohner. Außerdem ist sie umgeben von zahlreichen Seen, die untereinander mit Kanälen verbunden sind. Der einzige Nachteil ist hier, wie auch auf der Mecklenburger Seenplatte, dass hier (Motor-) Boote fahren, was nervig beim Paddeln ist, vor allem, wenn keine Rücksicht auf die Schwächeren genommen wird. Südlich von Templin erstreckt sich die Schorfheide – ein Gebiet mit einer vielfältigen Flora und Fauna, auf dem auch Waschbären heimisch geworden sind. Einen überfahrenen Waschbären haben wir unterwegs gesichtet. Jörg Rüblinger gibt in seinem Blog einen kleinen Einblick, was wir verpasst haben. Mir war nicht bewusst, dass wir so nah am Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin waren, sonst wäre es lohnenswerter gewesen, beispielsweise Angermünde als Zwischenstation zu wählen. 

Abstecher nach Kyritz an der Knatter in Brandenburg

Schloss Rheinsberg

Im letzten halben Jahr gab es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen allerhand Tipps, wohin man im Osten reisen könnte. Da wir uns dort bislang richtig wohlgefühlt haben und überall den Eindruck hatten, hier gäbe es noch mehr zu sehen, haben wir einige davon notiert. Einer davon befindet sich in Brandenburg: Kyritz an der Knatter, bzw. an der Jäglitz, wurde als Empfehlung des rbb ausgegeben. Da es dort mindestens einen Stellplatz gibt, dachten wir, es wäre gut, den Regentag als Fahrtag, auch zum Aufladen der technischen Geräte während der Fahrt über den Zigarettenanzünder, zu nutzen. Unterwegs fiel uns positiv der unerwartet ausgeschilderte Stellplatz Roofensee bei Menz auf, der gratis vor einer Ferienwohnungsiedlung liegt. Den Ausflug zum Campingplatz mit Stellplätzen südlich von Rheinsberg bei Warenthin hätten wir uns sparen können. Wir empfanden ihn als nicht angenehm. Schön war der Blick von dort aus auf das Rheinsberger Schloss am Grienericksee. 

Kyritz selbst erwies sich als nett, aber auch nicht mehr. Der Turm der Kirche ist weithin sichtbar. Man ist bemüht, die Leerstände zu schließen und ambitiös ist der Plan, die Bibliothek zum ehemaligen Franziskaner Kloster umzusiedeln, das stark sanierungsbedürftig ist. Angrenzend befindet sich die ehemalige Brennerei, die ebenfalls zum Ensemble gehört und kulturellen Zwecken gewidmet werden soll. Schade, dass der gesamte Verkehr mitten durch den Ortskern geleitet wird. Wäre Kyritz nicht als eine der „Top Ten“ Brandenburgs erwähnt worden, wären wir vermutlich nicht auf die Idee gekommen, hier zu übernachten. Der Name „Kyritz an der Knatter“, der öffentlich propagiert wird, kommt daher, dass die Mühle an der Jäglitz, dem eigentlichen Fluss durch die Stadt, so laut geknattert hat, dass das Städtchen durch diesen Ausspruch bekannt geworden ist. 

Auffällig sind gefühlt in ganz Mecklenburg-Vorpommern die Schilder entlang der Straßen, die auf die Todesmärsche der KZ-Häftlinge im April 1945 hinweisen. Beim Heranrücken der Front wurden die Konzentrationslager geräumt, mit dem Ziel, die Insassen zu „evakuieren“. Eher handelte es sich um Räumungsmanöver, um die Spuren der geplanten Auslöschung des jüdischen Volkes und anderer vermeintlich nicht lebenswerter Volksgruppen zu verwischen. Todesmärsche gab es auch in anderen Bundesländern, aber vielleicht sind Gedenksteine unauffälliger als die Tafeln mit dem roten Dreieck. Wie viele der Häftlinge diesen Marsch aus den verschiedensten Gründen nicht überlebt haben, kann nur geschätzt werden. Die Märsche verliefen auf jeden Fall über die normalen Chausseen und waren sicherlich nicht unauffällig. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es Gedenksteine. Diese tragen beispielsweise die Inschrift „Zum Gedenken an den Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen bis Schwerin. Befreit durch die Sowjetarmee Anfang Mai 1945.“ Das ist jedoch nicht richtig, da es die Amerikaner waren, die Schwerin befreit und die Häftlinge allerdings sich selbst überlassen haben. Somit wurde das Gedenken ideologisch verklärt (Quelle: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/kriegsende/Todesmarsch-nach-Schwerin-Ideologisch-verzerrtes-Gedenken,todesmarsch110.html).

Kleine Zwischenstopps an der Elbe

Havelberger Dom

Von Kyritz ging es gleich am nächsten Tag weiter. Vielleicht hing es auch mit dem Wetter zusammen, dass wir uns nicht weiter süd- oder ostwärts begeben haben. Zwei „Kann-Ziele“ stehen schon lange auf der imaginären Liste: das Elbsandsteingebirge und der Spreewald. In Lübbenau waren wir vor vielen Jahren schon einmal ein verlängertes Wochenende paddeln, was uns ausnehmend gut gefallen hat. Ein anderes Ziel war Havelberg. Dort gibt es einen Stellplatz vor dem Campingplatz auf einer Insel. Da wir bereits vor dem Mittag dort waren, gab es noch reichlich Platz. Einchecken war jedoch erst ab 15:00 Uhr möglich. Also schauten wir und die Havel in dem Bereich an und natürlich den St.-Marien-Dom, der die Stadt überragt an. Leider war das nur von außen möglich. Die Kraxelei nach oben lohnt sich: Der Blick von dort auf das Städtchen und die Havel ist toll. Als wir zurückkamen, haben wir beim Kaffee uns das rege Treiben der Wohnmobile, die an- und abrauschten angeschaut: viele große Fahrzeuge, überwiegend mit westdeutschen Kennzeichen. Wir fühlten uns nicht mehr ganz so wohl und beschlossen, hier lieber abseits des Trubel noch einmal herzukommen. Havelberg gehört vermutlich auch zu den Top Ten der zu besuchenden Städte.

Ölmühle in Wittenberge an der Elbe

Das nächste Ziel war Wittenberge, nur vierzig Kilometer nördlich, direkt an der Elbe gelegen. Dort gibt es zwei Stellplätze, beide stark frequentiert. Der eine bietet tatsächlich den freien Blick aufs Wasser. Allerdings ist dort gerade eine Großbaustelle mit viel Lärm. Der andere befindet sich auf dem sehr spannenden Gelände der ehemaligen Ölmühle. Dort gibt es u. a. ein Hotel mit Loft/Spa, ein Brauhaus, einen Kletter- und einen Tauchturm – und von nebenan dürfen die Wohnmobilisten auch mal gucken. Und zu gucken gibt es allerhand, vor allem für Menschen, die etwas übrig haben für liebevoll sanierte Backsteingebäude mit spannenden Details! Somit konnten wir zwei weitere Orte auf unserer Liste als ‚gesehen‘ markieren und mit den nötigen Hintergrundinfos versehen. Als weiterer Ort in der Nähe stand Brandenburg an der Havel auf dem Programm. Zugegeben, die Reihenfolge hätte man vielleicht geschickter gestalten können, denn so ging die Route ein ganzes Stück zurück in die Gegenrichtung. Selbst an Kyritz kamen wir erneut vorbei. 

Ein Highlight: Brandenburg an der Havel

Blick vom Stellplatz

Zuerst sahen wir uns den Stellplatz an der Marina mit dem direkten Havelblick an. Hier passte kein Rollmops mehr zwischen die Mobile. Schön fanden wir es hier auch nicht, wenn auch der Blick aufs Wasser möglicherweise entschädigt hätte. So langsam wurde es spät und klar, wir brauchen ein Übernachtungsplätzchen. Irgendwo frei zu stehen kam gerade in diesem Jahr, wo so viele neue Wohnmobilisten auf dem Weg waren und alle aus der Werbung die spinnerte Idee im Kopf hatten, sich überall, vor allem direkt am Meer, an Seen und an Flüssen, wunderbar aufbauen zu können, nicht in Frage. Ausgeschildert war unterwegs gar nichts. Aber es gab ja noch den zweiten Stellplatz in Brandenburg, ebenfalls direkt an der Havel gegenüber von der Dominsel. Glücklicherweise muss kurz vorher ein Plätzchen in der ersten Reihe mit dem Blick aufs Wasser freigeworden sein, den wir übernehmen konnten. Andere haben überhaupt kein Problem damit, wenn die ausgewiesenen Stellplätze besetzt sind, auf die Parkplätze auszuweichen. Aus Erfahrung weiß ich, dass die gerne von Berufspendlern in Anspruch genommen werden, die dann morgens um sechs Uhr gar nicht begeistert sind, wenn sich dort ein Wohnmobil quer über drei Plätze gestellt hat. Und bei einem bleibt es ja aktuell nicht…

Einer von 13 Möpsen in Brandenburg

Bewegung hatten wir schon genug heute, sodass wir uns die Dominsel und ein bisschen mehr von der wunderbaren Havel anschauten und feststellten, dass es uns hier gut gefällt. Bezahlt hatten wir ohnehin für 24 Stunden, sodass wir den kommenden Tag damit verbrachten, Vorräte aufzufüllen und uns die Stadt genauer anzugucken. Witzig sind die in der ganzen Stadt versteckten Möpse, von denen es insgesamt 13 Stück (Stand 2013; es sollen bis zu 30 werden) gibt. Sie gehen zurück auf Loriots Kunstfigur des Waldmopses. Loriot wurde in Brandenburg geboren. Geschaffen werden die Skulpturen von der jungen Künstlerin Clara Walter, die damit einen Beitrag zur Bundesgartenschau 2015 geliefert hat. Und seitdem ich weiß, dass man Möpse auch so züchten kann, dass sie durchaus in der Lage sind, zu atmen, habe ich mit dieser Rasse weniger Probleme.

Mein Faible für Türme wurde ebenfalls bedient. Drei der vier Tortürme habe ich gesehen, ohne es darauf anzulegen, sie zu finden. Auffällig, aber auch naheliegend, ist, dass hier sehr viel Wassersport betrieben wird. Wenn man sich die Wasserwege der Havel und die angrenzenden Seen anschaut, wird schnell klar, warum. Es muss ein Paradies sein, hier auf dem Wasser unterwegs sein zu können. Ein Paar machte neben uns seine beiden Faltboote für eine ausgedehnte Tour fertig. Es war spannend, den Aufbau zu beobachten. Er dauerte jedoch so lange, dass wir locker zwischendurch einkaufen gehen konnten. Da pumpe ich lieber von Hand mein SUP auf: Diese Wissenschaft ist mir zu hoch. Vollbeladen ging es nach rund vier Stunden Aufbauzeit aufs Wasser. 

Auf nach Usedom

Es sollte warm werden, so richtig warm in Brandenburg. Was macht man, wenn es warm wird? Man fährt an die Küste. Mit dieser Idee waren wir nicht alleine. Ab Anklam ging nicht mehr viel. Dennoch schafften wir es rechtzeitig zur Rezeption eines unserer Lieblingsplätze in Ückeritz. Wir waren sprachlos: So voll haben wir diesen Campingplatz noch nicht einmal in der Hochsaison im Juli/August erlebt. Die Zelter wurden von Wohnmobilisten jeglicher Couleur abgelöst. Konzentriert sich diese Masse sonst auf den Platz gleich vorne rechts, hatten sie auch die folgenden zwei Kilometer komplett in Beschlag genommen. Gut, dass wir uns ein bisschen auskennen und so unsere Nische finden konnten. Da es schon ziemlich dunkel geworden war, kam uns dabei der Tipp des Schweizers mit Wohnwagen und Dachzelt sehr entgegen. Am nächsten Tag sind wir noch einmal umgezogen, weil Dirks absoluter Favoritplatz ein Stück weiter freigeworden war. Und von dort aus haben wir dann Wald, Wasser, Strand und Sonne genossen und sind erstmalig verhältnismäßig wenig Fahrrad gefahren, da wir von unserem Platz hautnah mitbekamen, wie sich die Massen an E-Bikern zwischen den Kaiserbädern hin und her bewegten. Lediglich ein Ausflug nach Ahlbeck musste sein: Dirk hatte sich an einer Heftzwecke eigentlich nur ein Loch in seinen Vorderreifen gefahren. Beim Flicken wurden es immer mehr, sodass es ihm doch lieber war, einen Ersatzschlauch im Wagen zu haben. 

Wertvolle Begegnungen

Es ist witzig: Wenn man öfter nach Usedom fährt und in ‘seiner Zone‘ steht, kennt man immer mehr Menschen vom Sehen. Und so kam es, dass uns auf dem Weg vom Waschhaus zurück zum Bulli Jennifer* ansprach. Ihr Mann, Horst, hätte gesagt, dieser Wagen hätte vor einem Jahr im Sommer schon mal hier gestanden. Ob er recht hätte. Erst einmal haben wir das verneint und waren der Meinung, es müsste schon etwa drei Jahre her sein, dass wir zum letzten Mal dort gewesen sein. Aber später fiel Dirk ein, dass er ja im vergangenen Jahr Ende Juni eine Woche alleine weggefahren war, als ich sowieso Hals über Kopf im Semesterendspurt steckte. Also korrigierten wir uns später, was dazu führte, dass wir erst eine halbe Stunde zu dritt und nachdem Horst noch dazu kam, zu viert mindestens eine weitere Stunde über Gott und die Welt gequatscht haben. Als dann noch rauskam, dass wir eine gemeinsame Bekannte, Birte*, haben, die sie im Urlaub in Griechenland kennengelernt haben, war das sehr lustig und zeigt, wie klein die Welt ist. Erkannt hatte Horst den Wagen an unserer Europa-Flagge am Küchenblock – die ist auf Usedom eher selten zu sehen.

Es war ein sehr bereicherndes Gespräch mit den beiden, das mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird. Leider gehört es sich nicht, hier Details daraus wiederzugeben. Vielleicht nimmt Jennifer meinen Rat an und schreibt ihre Lebensgeschichte, wie sie als junge Frau gleich nach der Wende im Westen von 0 angefangen hat, tatsächlich auf. In der Rückschau ist vieles gut gelaufen, aber manches hat mich wahnsinnig wütend und traurig gemacht. 

Dirk war froh, endlich mal seine Erfahrungen aus seiner Zeit in Hannover von jemandem bestätigt zu bekommen. Horst hat dort lange gearbeitet und hatte immer Schwierigkeiten mit der Mentalität der Eingeborenen. 

An unserem letzten Abend baute ein älteres Pärchen mit Wohnwagen aus Berlin sich neben uns auf. Allein dadurch, dass wir sie freundlich begrüßten und wirklich nur oberflächlich Smalltalk betreiben haben, waren sie so glücklich mit uns als Nachbarn, dass sie uns fast adoptiert hätten. Sie bedauerten es sehr, uns nur noch einen Tag behalten zu dürfen und gaben uns wertvolle Tipps für die Weiterfahrt. Sollten wir dort landen, sollten wir doch bitte an sie denken. Dazu kam es nicht, aber die Tipps haben unsere ‚Liste‘ erweitert. 

Sonnenaufgang über Usedom

Das einzige, was an diesem Platz nervig ist, ist, dass es keine stabile Internetverbindung gibt. Dass man sich ausschließlich im polnischen Netz befindet, ist dabei dank Roaming nicht einmal mehr das Problem. Aber die Leitung reicht einfach nicht, um wichtige Dinge zu erledigen. Und die Zusammenstellung des Stundenplans für das kommende Semester ist für berufstätige Studenten nun einmal essenziell. Da ich nur wusste, dass die Seminare ab einem bestimmten Datum, aber nicht zu welcher Uhrzeit, online gestellt werden, bin ich früh morgens noch vor sechs Uhr aufgestanden, habe vergeblich versucht, das Handy als Router zu nutzen, um mich dann auf den Weg zum Netz zu machen. Unterwegs habe ich immer wieder vergeblich versucht, mich einzuloggen. An der Kurverwaltung 3,5 Kilometer später hat es dann geklappt – sogar mit WLAN. Einzig: Die Veranstaltungen waren immer noch nicht online. Glücklicherweise bekam ich Unterstützung durch eine Kommilitonin, die mir später am Vormittag eine sms mit der Information schickte, sie seien jetzt online. Im polnischen Netz bei deaktiviertem Roaming, um den Akku zu sparen, ist diese Art des Nachrichtenversands Gold wert. So durfte ich erneut nach vorne spazieren, um meinen Plan zusammenzustellen und dann noch einmal nach 16:00 Uhr, um mich in die Veranstaltungen einzuwählen. Gut, dass ich das nicht genau zu dieser Uhrzeit gemacht habe: Da war dann der Server zusammengebrochen. Es ging zwar nur darum, seine Priorität abzugeben, weil die Seminare eh arbeitgeberfreundlich erst Ende September zugelost werden, aber irgendwie ging es uns offenbar allen so, dass wir diese Priorisierung gleich abgeben wollten. Das einzig Gute daran war, dass ich einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem Meer erleben konnte.

Zurück zur Feldberger Seenlandschaft

Sowohl in Mecklenburg als auch in Brandenburg gibt es wunderbare Wasserwege: Hier ein Havelblick

Das gute Wetter an der Küste hielt nicht allzu lange an, sodass wir wieder zurück an die Seen wollten. Da ich noch eine Hausarbeit zusammen mit zwei weiteren Beteiligten sowie einen Leitfaden und noch eine Ausarbeitung schreiben musste, sollte es ein Campingplatz sein. Zudem stand am Folgetag erneut ein, den Vormittag füllendes, Onlineseminar auf dem Programm, für das ich gerne WLAN haben wollte. Kurz bevor wir unser avisiertes Ziel erreichen sollten, bekam ich die Nachricht, dass der Workshop am nächsten Tag aufgrund von Corona in den November verschoben werden würde. Wie gut, dass wir Corona erst seit gestern haben und Studierende ohnehin jederzeit frei verfügbar sind und so etwas wie Urlaubstage oder das Tauschen von Schichten nicht kennen. Meiner Meinung nach ist es ein Unding, so eine Nachricht mit dieser Begründung keine 24 Stunden vor der geplanten Veranstaltung zu schicken. Gut, dass ich nicht zufällig gerade vorm Rechner saß.

Der Blick auf immer wieder neue Seen, der sich hinter den Bäumen auftat, brachte mich schnell auf andere Gedanken, ebenso wie die Wettervorhersage mit Temperaturen um die zwanzig Grad für die kommenden Tage: ideal zum Fahrradfahren und sogar fürs SUP. 

Nutzung von Wasserfahrzeugen auf den Feldberger Seen

Krüseliner Mühle

Aber zuerst haben wir uns ein Kajak gemietet und sind damit über die Seen gefahren. Für ein leichteres Umtragen gab es den Bootswagen gleich dazu. Leider haben wir es mal wieder nicht optimal hinbekommen, uns beim Paddeln aufeinander einzustellen, sodass es anstrengender wurde, als nötig. Am Tag darauf habe ich vormittags erst einmal ein paar Stunden gearbeitet, aber dann ging es auf die SUPs, die Dirk in der Zwischenzeit vorbereitet hatte. Damit haben wir die gleichen Touren noch einmal absolviert, was deutlich besser ging. Unsere sehr lieben Platznachbarn aus Meißen, die seit über vierzig Jahren auf diesen Platz kommen und immer schon auch paddeln, hatten uns die Tour mit dem Kajak zur Kolbatzer Mühle ans Herz gelegt. Sie hat mir dann erklärt, wie man paddelt: ich habe vorne nichts zu melden; gesteuert wird hinten. Das passte mir natürlich überhaupt nicht.
Bis zur Krüseliner Mühle waren wir mit beiden Wasserfahrzeugen bereits gekommen. Nun wurden wir mutiger und versuchten uns an der Fortsetzung. Ganz geschafft haben wir es mit den SUPs nicht, da ich an dem Nachmittag einen Telefontermin hatte. Sehr interessant war es jedoch für uns, wie weit man mit einem SUP kommen kann. Die Feldberger Seenlandschaft lässt sich kilometerweit erpaddeln. Theoretisch kommt man sogar bis Lychen und von dort aus noch viel weiter. Leider ist aktuell der Wasserstand in den Seen und den Verbindungskanälen und -bächen so gering, dass viele Wasserwege unterbrochen sind. Man muss dort umtragen, wo man in den vergangenen vierzig Jahren nie Probleme hatte. Diejenigen, die sich beispielsweise am Seerosenkanal versucht haben, standen zum Schluss bis zur Brust im Matsch – und zum nächsten See haben sie es nicht geschafft. Spannend war der Bach im Anschluss an den Biberdamm hinter der Krüseliner Mühle. Der Biber hat dort so viel Holz zernagt, dass die Finne ständig hängenbleibt und es nur mit viel Körpereinsatz möglich ist, rauszukommen. Dahinter öffnet sich jedoch ein traumhafter See, den man überquert, um zum nächsten Verbindungskanal zu kommen. Dieser ist dafür deutlich leichter zu bepaddeln. Dahinter erstreckt sich der Große Mechowsee, der wiederum ganz anders aussieht. Am Aalkasten geht es vorbei und in den nächsten Verbindungskanal. Beim Haus im Knick haben wir umgedreht – aus Zeitgründen. Zurück ging es wesentlich schneller, sodass wir den Wagen so rechtzeitig erreicht haben, dass ich noch den Geruch des Biberbaches abduschen konnte. Sicherheitshalber hatte ich den Neopren-Shorty angezogen, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Das Wasser ist zwar tatsächlich noch so warm, dass man schwimmen kann, aber wenn man abrupt reinfällt, gestaltet sich das möglicherweise anders. 

Am Abend sind wir in der Krüseliner Mühle eingekehrt: Dirk hatte vor dem Durchqueren des Biberbaches einen Tisch reserviert, ansonsten hätte das vermutlich nicht geklappt. Der Steg mit den beiden Bänken ist   d a s   Fotomotiv diverser Reiseführer und wirklich malerisch. Mein Fotomotiv wäre der vorbeifliegende Eisvogel gewesen, den leider wieder nur ich gesehen habe.

Diese Gegend ist wirklich beeindruckend. Mein Auge sieht an jeder Ecke Pilze, die Kraniche wecken einen des Morgens mit ihrem Gesang. Schwäne starten lautstark vom Wasser aus und Eichhörnchen schimpfen einen aus, wenn man ihnen die Fluchtmöglichkeit abschneidet. Der Specht arbeitet an seiner Work-Life-Balance, in dem er nach der Arbeit in den Kiefern das Vogelhaus für den Familienumzug vorbereitet, um näher am Einsatzort, bzw. schneller zu Hause zu sein. 

Am Folgetag haben wir den Carwitzsee von der Wasserseite aus in den Blick genommen. Ebenso wie der Luzinsee hat er teilweise eine tiefgrüne Farbe. Unsere Meißner Nachbarn hatten vor ihm gewarnt, da er sehr tückisch sein kann. Man sollte hier stets in Ufernähe paddeln. Gut, dass wir diesen Rat beherzigt haben. So konnten wir zuerst das Eichhörnchen, das sich völlig unbeobachtet fühlte, da es uns weder hören noch riechen konnte, beobachten und später den Eisvogel – im Landeanflug, auf dem Baum sitzend und seinen Abflug. 

Von den zahlreichen Seen, die wir dort bepaddelt haben, hat mich die spannende Unterwasserwelt des Krüselinsees tief beeindruckt. Irgendwie erwartet man, dass sich der Biber sich gleich blicken lässt, der am Ufer seine eindeutigen Spuren hinterlassen hat. Auch die Wasserpflanzen, deren Namen ich gar nicht kenne und die vielen Fische in ihren unterschiedlichen Größen sind eindeutig sehenswert. Und dann die ruhige, fast lautlose Fortbewegung auf dem SUP – mit der Möglichkeit, bei kabbeligem Wasser einfach auf die Knie runterzugehen und so weiterzupaddeln und deutlich leichter gegen den Wind anzukommen. Das ist eine gute Möglichkeit, runterzukommen und der beste Ausgleich gegen die Schulter-Nacken-Probleme vom Schreiben.

Auch das Radeln war eine gute Abwechslung und hat uns noch weitere Seen entdecken lassen. Was manchmal gefehlt hat, sind die Fahrradwege. Leider gibt es immer wieder Idioten, die meinen, sie sitzen hoch und trocken und Fahrradfahrer und Fußgänger können schon ausweichen, wenn man auf sie zuhält. Dirk hatte das zweifelhafte Vergnügen, einem Westerwalder Wohnmobilisten mit dem Rad entgegenzufahren. Die beiden Personen vor ihm auf ihren E-Bikes mussten sich beherzt auf den Absatz neben der Fahrbahn retten, der eher für die Autos als Ausweichmöglichkeit gedacht war. Er hat sich geweigert, mit dem Erfolg, dass der breite Spiegel des WoMos knapp an seinem Ohr vorbeisauste. Den Fahrer konnte er kurze Zeit später auf einem Parkplatz identifizieren und zur Rede stellen. Es hätte sich ja – außer ihm – keiner beschwert. Dann hat er ihm einen schönen Abend gewünscht. Für mich hätte sein erster Satz mit einer Entschuldigung beginnen müssen. Ansonsten war sehr auffällig, dass vor allem die Einheimischen sehr viel Rücksicht auf gerade Fahrradfahrer genommen und frühzeitig ausgewichen sind. 

Es gibt noch wahnsinnig viel zu entdecken und wir haben selbst von der Feldberger Seenlandschaft nur einen Bruchteil erkundet. Schön, dass das Wetter einigermaßen mitgespielt hat, war das doch bislang der Faktor, der uns daran gehindert hat, im Herbst in Deutschland zu bleiben.

Die letzte Zwischenstation unserer Tour war in Ratzeburg: wieder mit dem Blick aufs Wasser, auch hier gab es den allerletzten Platz für uns. Vor einigen Jahren war uns der Platz zu leer und nicht als Wohnmobilstellplatz identifizierbar. Das hat sich deutlich geändert. Leere Plätze gab es dieses Jahr im September nirgendwo. Leider war es für Fotos um den Ratzeburger Dom mit den vielen kleinen Gästehäusern und Seminarräumen schon zu dunkel. Der Spaziergang um den Küchensee und die Schlossinsel war der krönende Abschluss eines Fahrtages. 

Immer wieder stelle ich fest, dass ich zwischen Emden und Altwarp bis zu hundert Kilometer ins Binnenland eigentlich überall wohnen könnte. Nicht vorstellen kann ich mir hingegen, ins Ruhrgebiet oder nach Bayern zu ziehen. Mir gefällt die norddeutsche Mentalität. Selbst das Abchecken des Gegenübers zu Beginn eines Gespräches belustigt mich eher.

*Die Namen wurden anonymisiert.

2 Gedanken zu „Lieber Osten als Süden

  1. Willenbring Johanna

    MOIN Wibke, ein wunderbarer Reisebericht, auch für lauffaule Menschen wie ich einer bin. So kann ich euch gedanklich begleiten. Vielen Dank.
    Auf ein Wiedersehen freue ich mich.
    Bleibt gesund!!!
    Liebe Grüße Hanneke

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    1. Wibke Hess Beitragsautor

      Liebe Hanneke,
      schön, dass Du auch als lauffauler Mensch Spaß daran hast, den Bericht zu lesen und uns gedanklich zu begleiten oder nachzureisen. Leider klappt es Corona-bedingt nicht, dass wir uns beim Gezeitenkonzert, das für Montagabend geplant war, sehen. Schade, ich hatte mich auf das Konzert und das Wiedersehen gefreut!
      Liebe Grüße und alles Gute
      Wibke

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