Lauferlebnisse, die niemand braucht

Laufen in der Dämmerung in Begleitung eines Blödmannes

Adrenalin bis in die Zehenspitzen

Ältere übergewichtige Männer, die in der Dämmerung mit einer leuchtend gelben Jacke bekleidet mit dem Fahrrad unterwegs sind, wirken per se erst einmal harmlos. Wenn einer von ihnen jedoch nach Erblicken einer mittelalten Läuferin irgend etwas vor sich hin murmelt, guckt, wo der Hase langläuft und dann kurzfristig schneller wird, um vor dieser in den einsamen Weg entlang der Kleingartenkolonie einzubiegen, ist das auf einmal sehr unangenehm. Tausend Gedanken auf einmal spielen sich auf einmal im Kopf der Läuferin ab. Lauf gerade aus, dann bist Du ihn los. Willst Du Dir wirklich den schönsten Teil der Strecke von so einem Blödmann vermiesen lassen? Größe und Statur gecheckt? Schaffst Du es, Gas zu geben? Ist wirklich noch Luft nach oben? Du weißt, Du kannst durch die Gärten verschwinden – irgendwie. Aber denk dran: Die Strecke ist unbeleuchtet, und vermutlich ist dort kein Mensch unterwegs!

Also abbiegen. Atmung kontrollieren. Mist. Der Typ wird langsamer. Eiert mit seinem quietschenden Rad nun hinterher. Hält Abstand und klebt gleichzeitig gefühlt an einem dran. Wie kann man nur so langsam fahren? Der fällt doch gleich vom Rad! Wieder die mahnende Stimme im Kopf: Achte auf Deine Umgebung. Werde nicht zu schnell. Denk dran, es sind noch fünfhundert Meter bis zur nächsten Wohnbebauung. Auf den letzten fünfzig Metern wird er doch wieder einen Hauch schneller. Sprint über die Straße: geschafft. Im gleichen Takt radelt er auf der anderen Seite weiter. Wenn er jetzt noch weiterfährt, nimmst Du aber die Alternative durchs Wohngebiet und nicht den nächsten abgeschiedenen, unbeleuchteten Abschnitt! Glücklicherweise biegt er kurz vor der Hauptstraße zum Eingang eines Mehrparteienhauses ab. Ich weiß, wo Du wohnst!
Rüber über die Hauptstraße, Schulterblick: Er schließt wirklich sein Rad ab und geht ins Haus. Zweihundert Meter gehen: Geht eigentlich gar nicht. Muss aber sein. Das Adrenalin rauscht durch den Körper. Herzfrequenz und Atmung am Anschlag. Hauptsache, ihm hat’s Spaß gemacht. Weiter geht es über die restlichen dreieinhalb Kilometer. Wut im Bauch treibt voran. Zum Ende macht es auch wieder Spaß.

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