KZ Engerhafe – Das Grauen direkt nebenan

Besuch der Gedenkstätte KZ Engerhafe

DAS Bild zur Gedenkstätte KZ Engerhafe "Lager und Kirche" von Herbert Müller

DAS Bild zur Gedenkstätte KZ Engerhafe „Lager und Kirche“ von Herbert Müller

Durch Zufall hatten wir die Gelegenheit, im Steinhaus der Kirchengemeinde Engerhafe eine Ausstellung (im Werden) zum Konzentrationslager Neuengamme, Außenstelle Engerhafe zu besichtigen. Zurzeit ist diese nur Mittwochsnachmittags geöffnet. Wir hatten bei der Besichtigung des Gulfhofs Ihnen sowie der Kirche Johannes der Täufer das Schild an der Straße gesehen und neugierig geschaut. Als Maler und Mitglied des Vereins Gedenkstätte KZ Engerhafe e.V. Herbert Müller uns sah, lud er uns gleich ein, gemeinsam mit zwei Damen aus Aurich an einer Führung durchs Haus teilzunehmen. Er erklärte just anhand eines Modells des Barackenlagers im Erdgeschoss, dass das Lager Engerhafe bereits 1942 errichtet und im Rahmen der Operation Todt zeitweilig bis zu 400 niederländische Arbeitskräfte in ihm untergebracht worden waren. Im Oktober 1944 jedoch wurden dort unter unvorstellbaren Zuständen 2.000 (!) zumeist politische Häftlinge (die mit den roten Winkeln gekennzeichneten) unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammengepfercht, die um Aurich herum einen Panzergraben, den sogenannten „Friesenwall“ erstellen sollten. Es gab einen Waschraum für alle, einen Donnerbalken und keine Heizung. Zum Frühstück gab es ein Stück Brot, dann wurden die Insassen 2,5 km zum Bahnhof nach Georgsheil getrieben, und von dort aus mit Güterwagen nach Aurich transportiert. Dort mussten sie erneut 2,5 km laufen, bis sie ihre Arbeit am Panzergraben im ostfriesischen Winter aufnehmen konnten. Man stelle sich die nicht entsprechend gekleideten Menschen vor, die zu dieser Jahreszeit völlig entkräftet tiefe Gräben ausheben sollen, um Aurich gegen einen möglichen Angriff von der Küste aus zu sichern. Im Flur des alten Steinhauses wird anhand von Tafeln beschrieben, wie diese Panzergräben auszusehen hatten (ca. 5 m tief mit sehr steilen Wänden und einem schmalen Gang zum Laufen).
Wer Ostfriesland in den letzten drei Monaten des Jahres kennt, weiß, dass es meist nass und kalt ist. Wenn man darüber hinaus den ganzen Tag mit dem Füßen im Wasser steht und versucht, mit ungeeignetem Werkzeug in der Erde zu arbeiten, kann das für die Gesundheit nicht zuträglich sein. Anfangs zogen sie die Toten von Hand auf dem Weg zum Bahnhof in Aurich hinter sich her, bis sich jemand aus der Bevölkerung erbarmte und ihnen einen Karren dafür zur Verfügung stellte. Wer nicht bei der Arbeit zusammenbrach, holte sich nicht selten im Lager durch grassierende Krankheiten wie die Ruhr den Rest.
Praktischerweise wurden die Häftlinge morgens um fünf losgeschickt und kamen erst nach Anbruch der Dunkelheit wieder, sodass die Dorfbevölkerung nicht so viel von dem Tross der armen Seelen an der Kirche vorbei durch die Meeden mitbekommen musste. Dennoch konnte diese Masse nicht unbemerkt bleiben, die täglich mitten durch Aurich getrieben wurde. Herbert Müller hat dazu ein beeindruckendes Bild eines jungen Mädchens gemalt, das im Schutze der Dunkelheit am Fenster vom Gulfhof Ihnen steht, und den Männern in ihrer Häftlingskleidung nachschaut, wie sie in Richtung Kirche laufen.

Abends gab es dann übrigens im Lager die „berühmte Wassersuppe“, die nach dieser harten Arbeit weder sättigte noch zu wärmen vermochte. Auch die Kleidung konnte zu dieser Jahreszeit nicht trocknen. Dass viele diese Plackerei nicht überlebt haben, ist logisch. In einem Kirchenbuch wurden die sogenannten Totenzettel von insgesamt 188 Männern gefunden, die innerhalb von nur zwei Monaten umgekommen waren und hinter dem Friedhof der Kirche Engerhafe beerdigt wurden. Auf diesen Totenzetteln waren die Nationalität, die Häftlingsnummer, der Name und das Geburts- und Sterbedatum vermerkt, was zumindest später die Identifizierung erleichtern sollte. Seit 1990 gibt es ein Mahnmal auf dem Friedhof mit den Namen aller Toten. Bereits zwei Monate nach Entstehung wurde am 22. Dezember das KZ in Engerhafe geschlossen. Auch an diesem Tag gab es noch vier Leichen, die dort beerdigt wurden. Die Außenstelle des KZ Neuengamme hatte eine Sterberate von rund 10 % – andere Einrichtungen dieser Art hatten ca. 5-6 % aufzuweisen. An manchen Tagen waren es 17 Personen.

Lagerleiter war ein junger Mann (25 Jahre alt), Erwin Seifert, nicht-ostfriesisches SS-Mitglied, der mit seiner Aufgabe, ein Lager mit 2000 Inhaftierten, ausgelegt auf 400 Personen, nur heillos überfordert gewesen sein konnte. Zwar wurde er von der Staatsanwaltschaft Aurich vor Gericht gestellt, aber nicht verurteilt. Erst später bekam er eine mehrjährige Haftstrafe, allerdings für seine nachweisbaren Vergehen im KZ Sachsenhausen, wo er zuvor tätig gewesen war.

Schädelporträts von Herbert Müller

Schädelporträts von Herbert Müller

Herbert Müller beschäftigt sich seit 1989 mit dem KZ Engerhafe und seine Bilder zeigen, dass ihn dieses Thema zeitlebens nicht mehr loslassen wird. Sehr bedrückend sind seine Arbeiten mit Totenschädeln, die in einem Zimmer an den Wänden hängen. In der Mitte steht zurzeit eine Vitrine mit Aufzeichnungen des französischen Suchdienstes, der Anfang der 50er-Jahre die Leichen auf dem Friedhof exhumieren ließ, um die Toten zu identifizieren. Von den 188 dort Beerdigten wurden einige in ihre Heimat überführt oder – wie viele Niederländer – umgebettet z. B. auf den Heeger-Friedhof in Osnabrück. Rund zwei Drittel wurden jedoch erneut in der ostfriesischen Erde beigesetzt.

Herbert Müller: Bestrafung beim Panzergrabenbau, Kohle, 2002

Herbert Müller: Bestrafung beim Panzergrabenbau, Kohle, 2002

Der Lehrer und Maler hat sich intensiv mit den verbliebenen Quellen auseinander gesetzt, aber auch den Kontakt zu Zeitzeugen, sei es überlebenden Insassen oder deren Nachkommen oder der ostfriesischen Bevölkerung, gesucht und das Erzählte in seinen Werken verarbeitet. Immer wieder zu sehen ist ein Bild, das den Blick aus dem Lager heraus durch den Stacheldraht auf die Kirche zeigt. Von der haben sich sicherlich einige der Inhaftierten Unterstützung erhofft. Es ziert auch den Titel des neuen Flyers. Eine weitere Zeichnung (Bestrafung beim Panzergrabenbau, Kohle, 2012) zeigt zwei Kapos, die einen erschöpften Flüchtling zusammenschlagen. Es entstand nach Erzählungen eines Mannes, der sich als Schüler (von den Wärtern als Kind unbeachtet) die Arbeiten am Friesenwall anschaute und dabei diese Szene erlebte, die ihn nicht mehr loslassen sollte.

Auf dem Barackengelände stand ein Feuerwehrgebäude, das auch von der Dorfbevölkerung genutzt wurde. Da die Männer an der Front, tot oder versehrt waren, kam es durchaus vor, dass die Frauen dort Material besorgen mussten und somit das Elend der zusammengepferchten Menschen mitbekommen haben. Ansonsten war man bemüht, diese vielen fremden Menschen auszublenden.

Galerie mit Porträtbildern der Toten im KZ Engerhafe

Galerie mit Porträtbildern der Toten im KZ Engerhafe

In dem letzten Zimmer des Steinhauses entsteht zurzeit eine Wand mit Aufnahmen der Inhaftierten, die von den Angehörigen zur Verfügung gestellt werden, um den Toten ein Gesicht zu geben. Lebensgeschichten sammelt Imke Müller-Hellmann, die im September 2014 ihr Buch „Verschwunden in Deutschland – Lebensgeschichten von KZ-Opfern – Auf Spurensuche durch Europa“ im Osburg-Verlag veröffentlicht hat. Ihre Großmutter hatte als Kind in der Nähe des Lagers gelebt und sah sich nicht in der Lage, die Frage ihrer Enkelin, wer denn auf dem Friedhof begraben sei, zu beantworten. Die Geschichten von elf Familien machte Imke Müller-Hellmann bisher ausfindig. Ein niederländischer Häftling, so erzählte Herbert Müller, sei im Lager Engerhafe gelandet und auch gestorben, weil seine Nichte böse auf ihn gewesen sei und ihn denunziert habe, BBC gehört zu haben. [Das kennen wir sogar aus der jüngeren deutschen Geschichte!] Ich glaube, es war Arie Kiesling.

Für mich war der Besuch dieser Gedenkstätte sehr berührend und ich bin sehr froh, dass wir zufällig in Herbert Müllers exklusive Führung geplatzt sind. Auch wenn ich bestimmte Zahlen und Fakten natürlich recherchiert habe, war doch das meiste in meinem Kopf eingebrannt. Wir müssen aufpassen, unsere Geschichte lebendig zu halten und uns auch unangenehme Zeiten immer wieder warnend vor Augen halten. Wenn man dann dazu die aktuellen Bilder von überfüllten Flüchtlingslagern abends in den Nachrichten sieht, sind Modelle von Barackenlagern schnell vor dem inneren Auge mit Leben gefüllt. Und wir sollten nicht akzeptieren, dass Menschen (denn das sind nun einmal alle Flüchtlinge, die da gerade unterwegs sind!) unter mangelhaften hygienischen Bedingungen zusammengepfercht und menschenunwürdig behandelt werden! In Engerhafe und Umgebung werden übrigens die aktuellen Neuankömmlinge aus fernen Ländern von Anfang an freundlich aufgenommen, begleitet und so integriert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.