Segelboot vom Sandstrand aus fotografiert, am rechten seitlichen Bildrand Gehölz

Ile d’Oléron und ein Abstecher in die Bretagne

Die Möglichkeit, tatsächlich einmal im Mai Urlaub zu machen, hat sich für uns bislang noch nicht ergeben und wird schnell vermutlich auch nicht wiederkommen. Schade. Diese Zeit im Jahr hat viele Vorteile: Die Natur ist bereits voll erwacht, mehr Stell- und Campingplätze sind verfügbar und man ist nicht allein unterwegs. Wobei: Letzteres kann natürlich gleichzeitig ein Nachteil sein.

Mitte Mai ging es los. Wie immer, war das Ziel unbekannt. Dirk schwebte etwas weit in der Ferne vor. Mir war es erst einmal egal. Hauptsache: weg. Das Wetter lockte mal wieder eher im Westen, und wir ließen uns ziellos treiben. Um es vorweg zu nehmen: Das Highlight dieser Fahrt war die Entdeckung der Île d’Oléron, wo wir tatsächlich mehrere Tage geblieben sind. Da für uns der Weg wichtiger ist als ein Ziel, zeichne ich hier auch die Anfahrt auf.

Faszinierende Stadt: Amiens

In der Ferne: Die Kathedrale von Amiens
Kathedrale Notre Dame d’Amiens

Entgegen unserer sonstigen Gewohnheit sind wir relativ früh am Tage aufgebrochen und dementsprechend in einem Rutsch nach Frankreich durchgefahren. Erstes Etappenziel war ohne Vorplanung Amiens. Uns hat das Städtchen an der Somme sehr gut gefallen. Der Stellplatz hat einen etwas versteckten Einstieg, ist dafür aber mitten in der Stadt und dennoch im Grünen, mit Blick aufs Wasser und in der Nähe des Parc St. Pierre, den man auf dem Weg in die Stadt durchqueren kann. Beeindruckend ist die Kathedrale Notre Dame d’Amiens aus dem 13. Jahrhundert, zuletzt umgebaut im 18. Jahrhundert, die als Vorbild für den Kölner Dom galt. Seit 1981 ist sie Weltkulturerbe der UNESCO und das größte kirchliche Bauwerk des Mittelalters in Frankreich. Ihre Westfassade baut sich fünffach auf und ist bestimmt eins der am häufigsten fotografierten Motive der Stadt. Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir im Kunstunterricht das Vergnügen, sie im Pappkantendruck auf Papier zu übertragen. Persönlich bevorzuge ich das Anschauen. Es gibt reichlich zu entdecken, vor allem, da sich überall zahlreiche Details verstecken. Mir gefallen beispielsweise die heidnischen Motive der Wasserspeier. Für einen Blick in den Innenraum war es leider schon zu spät. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, die Stadt zu besuchen, auch wegen der kleinen Cafés und Restaurants, die im Stadtteil Saint-Leu die Somme, aber auch die Gässchen daneben säumen. Im Sommer ist hier bestimmt noch viel mehr los und man sieht angesichts kleiner Skulpturen und Ankündigungen, dass das kulturelle Leben hier auf keinen Fall zu kurz kommt. Abschließend sei erwähnt, dass der Heilige Martin im Winter 338/339 in Amiens seinen Mantel mit einem Bettler geteilt haben soll.

Nach einem Zwischenstopp hinter Rouen zum Frühstücken auf einem nicht wirklich schönen Stellplatz in der Nähe von Le Sap in der Basse Normandie fuhren wir weiter. Zum Ver- und Entsorgen kann man den Platz gleich hinter der Feuerwehr und vor einem Firmengelände mit Blick auf einen Teich durchaus empfehlen, aber übernachten möchte ich dort nicht, da der Lärm der vielbefahrenen Straße doch herüberschallt. Schöner wäre vielleicht der Platz in Gacé – einem schönen Ort mit Schloss – gewesen. Abends fuhren wir entlang der Loire, an der wir schon immer mal übernachten wollten. Geschafft haben wir es auch dieses Mal nicht, da der Stellplatz in Saumur auf der Offard-Insel liegt und die Brücke dorthin leider reparaturbedürftig war. Zu diesem Zeitpunkt hätten wir auch noch nicht die notwendige Passe d’Etape-Karte gehabt. So wären wir möglicherweise gleich weitergefahren. Schade: Auch hier thront hoch über der Loire eine imposante Kathedrale. Saumur könnte durchaus mehr zu bieten haben. Nur ein paar Kilometer weiter gibt es in Villebernier einen weiteren Stellplatz auf einem ehemaligen Campingplatz, ebenfalls mit Blick auf die Loire. Den habe ich allerdings erst jetzt zufällig auf der Karte entdeckt. Ein Versuch, den Stellplatz für 35 Wohnmobile unterhalb des Châteaus von Montreuil-Bellay anzusteuern, scheiterte ebenfalls aufgrund von Bauarbeiten.

Thouars

Stattdessen sind wir einfach weitergefahren. Zu dieser Zeit ist es ja etwas länger hell. Dennoch versuchen wir, die Etappen nicht zu lang werden zu lassen, da irgendwann die Konzentration doch schwindet und auch der Hunger größer wird. In unserem Stellplatzführer waren zehn Plätze in dem mir bis dato völlig unbekannten Städtchen Thouars ausgewiesen. Angesichts der späten Uhrzeit waren wir froh, tatsächlich einen dieser eng mit Balken abgegrenzten Plätze zu ergattern. Hoch über uns befand sich im ehemaligen Schloss das Musikkonservatorium, zu dem sich noch viele junge Leute begaben. Auf dem direkt anschließenden Parkplatz herrschte starker Andrang. Wir freuten uns, in einer Studentenstadt gelandet zu sein, dachten wir doch, dass es da gut und günstig mehrere Essensangebote geben müsste. Nachdem wir uns die ganze Innenstadt inklusive einiger Museen von außen angeschaut hatten, wurde uns klar, dass wir nicht einmal eine Dönerbude gesehen hatten. Selbst in der Nähe des Omnibusbahnhofes gab es kein geöffnetes Lokal für uns. Eine Runde später sahen wir in einer Seitengasse das „Chez Kaciuba“ – ein polnisches Restaurant. In diesem befanden sich außer uns ganze drei weitere Gäste. Das Englisch sprechende Pärchen auf der anderen Seite hatte nur Augen für einander. Der Mann am Nachbartisch, vermutlich ein Pole, fühlte sich von uns leider offenbar bei seinem Feierabendbier gestört und verließ vorzeitig den Saal. Mit meinem pink-roten Urlaubsjäckchen passte ich hervorragend zur polnisch rot-weißen Dekoration und es wurde ein witziger Abend, vor allem, da sich anscheinend selten deutsche Gäste hierher verirrten. Der Chef selbst war jedoch gerade genau in Deutschland unterwegs, aber sein Sohn hielt die Stellung. Das Essen war ungewöhnlich, aber gut und zum Abschluss gab es einen polnischen Vodka: na zdrowie! 

Was mich überrascht hat, ist, dass eine Stadt wie Thouars mit knapp 14.000 Einwohnern, die schon seit zwanzig Jahren diese zehn Stellplätze unterhalb des Konservatoriums anbietet, 2018 tatsächlich 130.000 Euro in die Schaffung eines neuen Platzes mit 18 weiteren Parkmöglichkeiten auch für größere Wohnmobile nur wenige hundert Meter hinter dem alten investiert. Die Übernachtung dort kostet 5,00 Euro für 24 Stunden plus 0,40 Euro pro Person taxe de séjour und ist ganzjährig möglich. Durch die Schranke gibt es jetzt auch „mehr Sicherheit“. Es würde mich sehr interessieren, wie dieses Angebot angenommen wird. Für uns stand die Überlegung an, wo die Reise hin geht. Dirk schwebte eigentlich die Fahrt nach Portugal vor. Da ich allerdings noch eine mündliche Prüfung für die Komplettierung meiner Hochschulzugangsberechtigung zu absolvieren hatte, war ich für einen Verbleib in Frankreich, um mich nicht während der Fahrt ins Thema einlesen zu müssen. 

Auf zur Île d‘Oléron

Glücklicherweise war es Dirk, der im Reiseführer die Île d’Oléron entdeckte, die wir von Thouars aus ansteuerten. Dort sollte es Fahrradwege geben, viel Strand und die Wettervorhersage war obendrein gut. Unser Ziel auf der Île war der öffentliche Campingplatz in der Nähe von Boyardville. Boyardville – schon einmal gehört? Mich ließ dieser Ortsname die ganze Zeit grübeln, bis ich sie live und in Farbe sah: die Festung von Boyardville. Sie ist Spielort für diverse sportliche Challenges, die unter dem Namen Fort Boyard seit 1990 nicht nur in Frankreich, sondern zumindest auch in Schweden (daher kenne ich sie) und in Deutschland ausgestrahlt werden. Ziel ist es, als Gruppe in einer vorgesehenen Zeit die Aufgaben zu bewältigen, um einen Schlüssel zu erhalten. Nach den ersten Ausgaben mit unbekannten Teilnehmern verlegte man sich später auf Stars, die zudem eine Summe für den guten Zweck einspielten. Im Jahr 2018, indem diese Reise stattgefunden hat, gab es noch einmal vier Folgen.

Schon die Anreise machte Spaß! Poitou-Charentes – seit 2016 heißt die Region offiziell Nouvelle-Aquitaine – hat viel Wasser und wäre bestimmt auch eine schöne Ecke, die es lohnt zu erkunden. Bei Rochefort gibt es zwei beachtenswerte Brücken nebeneinander. Kurz darauf geht es schon über die Brücke auf die Île d’Oléron.

Kleine Festung für den Leuchtturmwärter im Atlantik, davor Reste einer alten Brücke
Eine kleine Festung für den Leuchtturmwärter der Île d’Oléron?

Mir hat das kleine Fort oder eher das Leuchtturmwärter-Anwesen unterhalb der Brücke gefallen.

Die Île d’Oléron ist nach Korsika mit ihren 34 Kilometern Länge die zweitgrößte Insel Frankreichs und die größte Atlantikinsel. Man lebt hier, abgesehen vom Tourismus, im Wesentlichen von der Austernzucht, was auch überall sichtbar ist. Nicht sichtbar ist es hingegen bei Flut am Strand. Dann nämlich sind die Austernbänke unsichtbar und ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen sich an den Holzpfählen bereits verletzt haben. Bei Ebbe werden die Austern hingegen mit Treckern geerntet. 

Der Reiseführer hat nicht untertrieben. Es gibt auf der Insel tatsächlich wunderbare Fahrradwege, die sogar sehr gut ausgeschildert und zu verschiedenen Touren kombinierbar sind. Vom Campingplatz ist es nicht weit bis nach Boyardville, wo es neben mehreren Supermärkten eine Markthalle, einen Weinladen und diverse Restaurants gibt. Zwei von ihnen haben wir ausprobiert. Das erste Mal waren wir beim vorletzten der direkten ‚Fressmeile‘ und haben negative Erfahrungen gemacht. Beide haben wir Moules Frites gegessen, Dirk mit Roquefort und ich à la marinière. Meine Muscheln waren so trocken, dass es kein Genuss war und ich nicht alle gegessen habe. Der Wirt machte den Fehler zu fragen, ob alles in Ordnung gewesen sei, woraufhin ich leise und ganz freundlich geantwortet habe: „Eigentlich nicht. Die Muscheln waren recht trocken, was mir leid tut.“ So habe ich sehr vorsichtig und auf die feine französische Art Kritik geübt. Die Antwort überraschte mich dann doch: Selbst schuld, wenn Sie die Muscheln à la marinière essen. Die werden dann so trocken.“ Den Gegenbeweis trat am Folgetag – nun wollte ich es ja auch wissen – das Bistro de la Mer, nur wenig weiter, an. Dort wurden wir sehr nett bedient und alles schmeckte hervorragend. Das war aber – neben recht vielen Mücken – das einzige negative Erlebnis. Ansonsten haben wir viel gesehen, schöne Mühlen, fantastische Strände, die vielfach menschenleer waren und wunderbare Ausblicke genossen, beispielsweise auf La Rochelle und die Brücke zur benachbarten Île de Ré. Wir sind so viel am Strand im Sand gelaufen, dass wir tatsächlich beide Blasen bekamen – der eine links, die andere rechts unterm Fuß. Nebenbei habe ich mich auf dem Campingplatz tatsächlich sehr gut auf meine Prüfung vorbereiten können. Dementsprechend hat sich dieser Abstecher definitiv gelohnt. 

Nach ein paar Tagen Stillstand wollten wir noch mehr sehen und machten einen Abstecher auf die mautpflichtige Île de Ré. Trotz der 8,00 Euro für die zweitlängste Brücke Frankreichs (knapp drei Kilometer lang) haben wir nur eine kleine Tour gedreht, um dann am Parkplatz unterhalb der Brücke zu frühstücken. Wieder reichte dabei ein Blick, der besagte: Diese Insel ist nichts für uns. Irgendwie hatten wir das Gefühl, nicht hipp und schick genug für die Rentnerband zu sein, die die Insel bereits bevölkerte; darunter viele Deutsche.

Also ging es weiter in Richtung Bretagne. 

Bretagne

Die erste Übernachtung erfolgte, nachdem wir einige Plätze angesteuert hatten, die uns nicht gefielen, auf dem Wohnwagen-Park in Baden. Blick aufs Wasser gab es leider nicht und auch sonst war er nicht toll. Zur Entschädigung konnten wir jedoch keine fünfhundert Meter von ihm entfernt einen schönen Spaziergang direkt am Wasser in den Ort machen. Dieser wiederum ist sehr touristisch. Bewegt man sich jedoch aus dem Kern heraus, ist man komischerweise fast allein am Wasser, abgesehen von vielen Läufern und Hundespaziergängern. Ein niedliches Pizza-Restaurant an der Kreuzung lachte uns an, sodass wir unseren Aufenthalt im Ort solange ausgedehnt haben, bis wir etwas zu essen bekamen.

Dass wir hier nicht bleiben wollten, war uns klar. Wohin es weitergehen könnte, nicht. Unser Bühnenbauer, Dieter, hatte uns schon öfter von der Bretagne und seinem Lieblingsplatz vorgeschwärmt. Nun galt es, den Namen des Ortes zu rekonstruieren. Es ist uns tatsächlich gelungen, sodass wir am Nachmittag in der Nähe von Landrellec in Pleumeur-Bodou vor der dank Mittagspause verschlossenen Schranke des Campingplatzes St-Pierre-en-Port standen. Da es dort drei Plätze zur Auswahl gab, waren wir nicht sicher, ob wir den richtigen getroffen hatten. Dieser war gut gefüllt und wir waren froh, noch eine Parzelle mit Blick aufs Wasser zu bekommen. Der entschädigte für vieles. Unsere Vorräte gingen zur Neige und der nächste Laden war weiter weg. So blieb uns die Wahl zwischen einem telefonischen Bestellservice oder dem Weg zu Fuß oder per Rad in den nächsten Ort. Wir entschlossen uns für die Wanderung, um ein bisschen Bewegung zu haben. Die führte uns über wunderschöne Wege immer direkt am Wasser entlang in den Nachbarort. Es war wirklich ein Genuss! Bis wir dort jedoch einen geöffneten Laden gefunden hatten, war es schon spät am Nachmittag. Das Angebot war nicht riesig, aber die wichtigsten Dinge wie Käse, Orangensaft und Wein konnten wir auffüllen. Am Ende des Tages waren wir nach der knapp 20 Kilometer weiten Wanderung über Stock und Stein bei frischer Seeluft doch ziemlich müde und der Rückweg erfolgte in völliger Stille unsererseits. Allein die zahlreichen Insekten summten eifrig um uns herum. Später sahen wir auf der Karte, dass es auf der nähergelegenen Insel vielleicht einen Laden gegeben hätte. Aber wer weiß, ob dieser nicht nur Brot gehabt hätte und überhaupt in der Nebensaison geöffnet gewesen wäre.

Das schönste an diesem Fleckchen ist der Blick aufs Wasser, bzw. bei Ebbe auf den Sand. Da merke ich doch das Küstenkind in mir, dass sich für dieses Wechselspiel schon immer begeistern konnte. Interessant wurde es auch bei einem Spaziergang in die andere Richtung. Wir wollten uns die ‚weiße Kugel‘ mal ein bisschen aus der Nähe angucken. Auf dem Weg sprach uns ein älterer Mann auf seinem Acker an, ob wir etwas suchten. Als er merkte, dass wir Deutsche sind, erzählte er, dass er gerade dabei sei, seine Kartoffelkäfer zu bekämpfen. Bei ihm hießen sie ‚Hitler‘. So ganz sicher war er sich nicht, wie dieser Witz bei uns ankommen würde, doch nachdem wir beide zumindest grinsen, wenn nicht lachen mussten, hatte das zur Völkerverständigung beigetragen. Immer, wenn ich nun den Begriff ‚Kartoffelkäfer‘ höre, muss ich nun an die Vernichtung Hitlers denken. Und die weiße Kugel, so wissen wir jetzt, ist das Radom – eine Satelliten- oder Antennenkuppel.

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