Ein kleiner Meilenstein

Auch im Urlaub kann man sich einem Meilenstein nähern

Selbst im Urlaub wurde gelernt: geht auch!

Wir schreiben Anfang Juni 2018. Die Verfasserin dieses Artikels hat Anfang des Jahres ihr 40. Lebensjahr erreicht und sich nun einen lang gehegten Wunsch erfüllt und einen kleinen Meilenstein erreicht. In unserem Bildungssystem gilt man schließlich nicht als Mensch, wenn man nicht wenigstens sein Abitur erreicht hat. Alles andere, die ganze materiale Bildung, die man im Laufe seines Berufslebens erworben hat, ist dagegen so gut wie nichts wert. Eigentlich müsste man auch studiert haben, um so arbeiten zu können, wie die Schreiberin. Hat sie aber nicht. Sie hat erst jetzt, gut zwanzig Jahre später, ihre Hochschulzugangsberechtigung erworben. 

Wie funktioniert das?

Möglich ist das als Berufstätige über eine dreijährige Berufsausbildung plus entsprechende Erfahrung für das Fachgebiet, das man damals angestrebt hat. Beispielsweise kann man über die Schiene als Chemielaborantin Chemie studieren. Strebt man ein anderes Studium an, muss man, sofern man nicht über ein Abitur oder eine Fachhochschulreife verfügt, mehrere Jahre ein Abendgymnasium oder ein Kolleg besuchen. Darüber hinaus gibt es in Niedersachsen die Möglichkeit, eine fachgebundene Hochschulreife zu erlangen, indem man allgemeine Kenntnisse in Deutsch, Englisch und Mathematik (alternativ, sofern im Angebot, Biologie, Chemie oder Physik) über eine sogenannte Z-Prüfung (auch Immaturenprüfung) nachweisen kann. Hinzu kommt eine weitere Fachprüfung in egal welchem Fach direkt an einer Universität.

Wozu das Ganze?

Der Schreiberin ging es in erster Linie darum, diese allgemeine Prüfung im sogenannten A-Teil zu bestehen – egal wie. So hat sie sich für den sogenannten besonderen Teil (B-Teil) für Pädagogik entschieden, da es dafür einen Vorbereitungskurs gab und sie nur mit dieser Kombination aus A- und B-Teil ihre Studierfähigkeit unter Beweis stellen konnte. Und darum geht es ja auch beim Abitur. Beides kann man berufsbegleitend machen, sofern man einen Kursanbieter findet, der den A-Teil in den Abendstunden und am Wochenende anbietet. Die Kurse im Center für lebenslanges Lernen (C3L) an der Uni Oldenburg sind von vorneherein darauf angelegt und finden an Freitagnachmittagen und samstags statt. Künftig wird es zum Bedauern aller Kursteilnehmer schwierig, überhaupt einen Anbieter für den A-Teil zu finden. Die Bildungsvereinigung Arbeit & Leben aus Oldenburg stellt die Kurse ein, da es schon 2017/2018 schwierig war, genug Teilnehmende zusammenzubekommen. Die vhs Oldenburg, die sowohl Abendkurse (diese fanden in den letzten Jahren aufgrund mangelnder Teilnehmer nie statt) als auch Vormittagskurse angeboten hat, musste 2018 dieses Angebot ebenfalls zurückziehen. An der VHS Wilhelmshaven gab es im vergangenen Jahr offenbar zwei Teilnehmende, von denen nicht bekannt ist, ob sie den Kurs beendet haben. Im Saterland, Cloppenburg, Ostfriesland und Osnabrück fanden die Kurse nicht statt. Offenbar ist weniger Interesse vorhanden: Viele wissen nicht von dieser Möglichkeit und anderen wiederum reicht vielleicht die Möglichkeit, mithilfe ihrer Berufsausbildung fachgebunden an die Uni zu kommen.
Bei Arbeit & Leben begann der Kurs im März 2017 mit zehn Teilnehmern. Einer war schon beim zweiten Mal nicht mehr dabei. Zu den Prüfungen des allgemeinen Teils traten nur noch fünf an, eine musste aus gesundheitlichen Gründen nach der ersten Prüfung zum großen Bedauern aller aufgeben. Beim B-Teil waren es aus dieser Gruppe noch zwei Personen, die sowohl die schriftliche als auch die mündliche Prüfung absolviert haben, eine davon gezwungenermaßen, da es keine Möglichkeit gab, eine Prüfung aufs Folgejahr zu verschieben, was bevorzugt worden wäre. Es ist also kein Zuckerschlecken und das ganze Unterfangen bei einem Vollzeitjob mit Zwischenprüfungen während der Festivalphase durchzuziehen, hat die Absolventin manches Mal an den Rand ihrer Kapazitäten gebracht. Umso schöner ist es nun, den ganzen Kurs kurz vor Beginn der neuen Festivalsaison mit einem sehr guten Notendurchschnitt beendet zu haben.

Im Alter schwieriger?

Die Frage, ob es nicht in diesem Alter deutlich schwieriger sei, sich mit neuen Inhalten auf hohem Niveau zu beschäftigen, kann von ihr nicht mit einem Ja beantwortet werden. Herausfordernd ist das zu jeder Zeit, aber mit so viel Erfahrung aus Leben und Beruf und dank der guten Vorbereitung der jeweiligen Dozenten wusste die Kursteilnehmerin ungefähr, was von ihr erwartet wurde, sodass sie fokussierter arbeiten konnte, als zu Schulzeiten. In der Ausbildung war das bei ihr auch schon so. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall! Durch die Anforderungen, im A-Teil eine Facharbeit zu verfassen, die mündlich verteidigt werden musste sowie eine weitere mündliche Prüfung (45 Minuten!) im B-Teil zu einem pädagogischen Thema zu absolvieren, konnten erste Erfahrungen mit dem wissenschaftlichen Arbeiten gesammelt werden, die grundsätzlich auch in anderen Zusammenhängen hilfreich sein können. Dadurch, dass die Themen jeweils selbst gewählt werden durften, war es möglich, sich auszuprobieren. So konnte die Kursteilnehmerin der Frage, ob der im November eingeführte Paragraf 217 StGB die Selbstbestimmung in Bezug auf Sterbehilfe einschränkt, die Hypothese, dass das deutsche Bildungssystem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund benachteiligt, folgen lassen und sich einmal mit ganz anderen Themen als ihren beruflichen Zusammenhängen beschäftigen.
Bereichernd war darüberhinaus die Gemeinschaft, die durch das gemeinsame Lernen und „Ziehen an einem Strang“ in beiden Kursteilen entstanden ist. Umso bedauerlicher ist es, dass sich einige von ihren teilweise langjährigen Wunschträume jäh verabschieden mussten.

Update

Die eine Teilnehmerin, die vor dem ursprünglichen Termin für die mündliche Prüfung im B-Teil erkrankt war, hat von der Universität Oldenburg eine weitere Chance zu einem recht späten Zeitpunkt bekommen. So konnte sie sich ausreichend vorbereiten und hat natürlich mit Bravour bestanden. Der einzige männliche Kollege hat über die o. g. Möglichkeit „3 + 3“ ebenfalls einen Studienplatz bekommen, mit dem er zufrieden ist. Und auch die Kollegin, die sich ihren Herzenswunsch erfüllen wollte, bekommt die Chance an der von ihr favorisierten Universität Münster, wo sie letztendlich „einfach“ eine ebenfalls zweiteilige Aufnahmeprüfung machen konnte, die sie bestanden hat. Eine Mitschülerin fehlt jetzt noch: Sie hat bis Oktober Zeit, sich für die Wiederholung der Prüfungen des A-Teils zurückzumelden.

2 Gedanken zu „Ein kleiner Meilenstein

  1. willenbring johanna

    Liebe Wibke, soeben entdecke ich deinen neuen Blogbeitrag! Schön einmal von deiner „Plackerei“ zu lesen. Du hast ein gewaltiges Pensum bewältigt! Eine großartige Leistung! Hut ab!
    Nun geht die wunderbare Konzertreihe weiter. Wir sehen uns.
    Liebe Grüße
    Hanneke

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