Der Prachtbau für die Ewigkeit und seine Freuden

 oder ‚Wie ich dem Wahnsinn sehr nahe kam‘

Ich bin ein sehr strukturierter Mensch und halte die Deadlines, die ich mir selbst setze, grundsätzlich ein. Erstmalig gerate ich jetzt an meine Grenzen. Seit nunmehr drei Jahren haben wir eine Baustelle vor dem Haus. Da wir ganz oben wohnen, schallt jeglicher Lärm wie durch einen Trichter in unsere Wohnung. Diese Baustelle auf dem Kasernengelände NeuDonnerschwee, die bereits seit Januar 2020 fertig sein soll, trägt mittlerweile bei uns den Namen „Prachtbau für die Ewigkeit“. Während der Bauzeit haben wir in Oldenburg etliche, auch durchaus größere und schönere Bauwerke entstehen sehen, bei denen sicherlich auch nicht alles geräuschlos über die Bühne ging. Aber jeden Stein einzeln zu sägen, verursacht Lärm. Jede Latte ebenso. Und man kann auch noch andere Sachen sägen und flexen und das mit wachsender Begeisterung von morgens teilweise sechs Uhr bis abends, auch samstags. Wenn man dann nebenbei dank Corona im Homeoffice arbeiten darf und am Rechner studieren und sich konzentrieren muss, ist das eine Herausforderung. Bislang habe ich sie leisten können, aber nun, während ich an meiner Bachelorarbeit schreibe, gerate ich an Grenzen. Manchmal könnte ich sogar kurzfristig vergessen, welches Fach ich studiere.

Im Vor-Corona-Sommer 2019 konnte man zumindest ins mobile Büro flüchten. Das wurde dann schwieriger.

Bevor ich die Arbeit angemeldet habe – wie gesagt, ich bin ein strukturierter, strategisch denkender Mensch – habe ich den Bauleiter gefragt, wann er mir zusichern kann, fertig zu sein. Das war am 12. April und die Aussage war, in sechs Wochen sei alles fertig. Ja, versprechen kann sich jeder mal. Wir schreiben heute den 16. Juli. Der Bauleiter soll mittlerweile geschasst worden sein, schleicht aber dennoch fast täglich über die Baustelle. Mir sollte er besser nicht begegnen, denn sonst hätte ich ein paar warme Worte für ihn.
Es wird gearbeitet – ohne Zweifel. Der Anbau ist in liebevoller Kleinarbeit mit einzeln zugesägten Holzlatten verkleidet worden. Die GaLa-Bauer*innen bewegen ihre Steine auch in größerer Stückzahl, aber leider nicht leise, von A nach B und C. Immerhin benutzen sie dafür einen E-Radlader und scheinen Spaß bei der Arbeit zu haben. Das baut auf. Aber fertig ist der Bau noch lange nicht – und meine Bachelorarbeit dadurch ebenfalls nicht. Hat jemand schon mal versucht, Interviews bei einer Kakophonie aus Steinsäge, Holzsäge, Steinen im Frontlader, Flex, irrelauten Heckenscheren und Bohrmaschinengeräuschen irgendwo aus dem Haus zu transkribieren oder auszuwerten? Ich stelle meinen Arbeitsplatz gerne mal einen Vormittag – im Tausch gegen einen anderen, gerne ruhigeren – zum Ausprobieren zur Verfügung.
Wenn dieser Prachtbau für die Ewigkeit fertiggestellt ist, machen die Bewohner*innen, vor allem diejenigen, die beeinträchtigt sind und das Haus kaum verlassen können, weil sie auf ein Beatmungsgerät angewiesen sind und sich das Treiben von innen angucken müssen, drei Kreuze. Und wir alle hoffen, dass der nächste auf dem Gelände geplante Bau, der eigentlich auch schon 2019 fertiggestellt werden sollte, nicht mit so viel Lärm und Dreck einhergeht. Möge er vor allem nicht tatsächlich bis 2029, wie viele Bewohner*innen des Geländes bereits unken, auf sich warten lassen.

Zufahrt zur Tiefgarage von der Weißen Rose aus: Hoffentlich wird sie bald fertig!

Und auf deren Fertigstellung freuen sich nun wirklich alle – außer vielleicht dem Abschleppunternehmen, das auf dem Gelände alle falsch parkenden Fahrzeuge ungefragt abschleppen darf und auch die gemieteten Plätze der Bewohner*innen bei Fehlbelegung auf Kosten der Halter räumen darf: die Tiefgarage. Wenn man weiß, dass es keine Parkplätze für Besucher*innen gibt und dementsprechend auch immer noch keine für die Anwohner*innen, abgesehen von der Matschfläche vor den Containern, weiß, wie dringend dieser Teil des Projektes ist.

 

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